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Dirk Horstkötter
Mit Smartphones und Zettelwirtschaft

AUSBILDUNG Bundesweit bleibt im Schnitt jeder siebte angebotene Ausbildungsplatz frei. Folge: Der deutsche Lehrstellenmarkt wird europäischer

Als Ákos Gyana und Tamás Gálig in die Firma kamen, entpuppten sich moderne Smartphones als unentbehrliche Helfer. Genauso wie klebende Notizzettel. Weil die jungen Ungarn in den ersten Wochen als Industriemechaniker-Azubis beim Thüringer Automobilzulieferer MöllerTech trotz Sprachcamp-Vorbereitung ihre Mühe mit dem Deutschen hatten, waren Übersetzungs-Apps Gold wert. Es gab hunderte Dinge, die in der Startphase deutsch-ungarisch zu klären waren. In der Werkstatt kam Azubis und Ausbilder eine klassische Idee zur besseren Verständigung: Auf jedes Werkzeug klebten sie den deutschen Name.

Zettel und App: Der Kommunikationsbedarf steigt, seit der deutsche Lehrstellenmarkt europäischer wird. Zuwanderung wegen Ausbildung ist plötzlich ein Thema. Unbesetzte Ausbildungsplätze hierzulande und wenig Perspektive für Jugendliche anderswo in der EU sorgen für neue Mobilität. Beim Zuzug aus Nicht-EU-Staaten sind Deutschlands Grenzen faktisch dicht - jeder Visumsantrag für potentielle Auszubildende läuft durch die Bürokratie, mit eher unsicheren Aussichten auf Genehmigung. Aber junge Ungarn, Spanier, Esten und Portugiesen genießen die Freizügigkeit in der EU. Da braucht es auch bei Ausbildungsverträgen keine Erlaubnis von Ausländerbehörden oder Arbeitsagenturen.

Zahlen über die Größe der Lehrstellen-Wanderung gibt es nicht, dafür fehlt eine Statistik. Aber bei Markus Kiss, Referatsleiter für Ausbildungspolitik beim Kammerverband DIHK, landen immer mehr Hinweise zu länderübergreifenden Initiativen, Projekten und Soloanwerbungen einzelner Firmen. Er sagt: "Aus der Not heraus suchen immer mehr deutsche Unternehmen in Europa nach Nachwuchs." Der Kandidaten-Mangel ist längst da: Bundesweit bleibt im Schnitt schon jeder siebte angebotene Ausbildungsplatz frei. In den nächsten Jahren dürfte die Schere zwischen Stellen und deutschen Bewerbern aus demografischen Gründen noch weiter auseinander gehen.

Große Nachfrage

In der Erfurter Industrie- und Handelskammer leitet Thomas Fahlbusch die Ausbildungsabteilung, aber eigentlich fühlt er sich als Wirtschaftsförderer: "Wenn unsere Unternehmen in der Region für jede dritte Ausbildungsstelle keine jungen Kräfte mehr finden, müssen wir was tun." Die Ungarn-Connection, von der auch der Zulieferer MöllerTech profitierte, ist sein Ding. Er hat zig Schulleiter in Tschechien, Polen und Ungarn angeschrieben und nach Thüringen eingeladen. Mit Ungarn entstand der verlässlichste Kontakt. Elf Azubis vermittelte er im Herbst 2011 an hiesige Betriebe: neben den zwei Industriemechanikern einen Konstruktionsmechaniker, drei Köche und fünf Hotelfachleute.

Mit seinen Leuten bereitet Fahlbusch gerade die zweite Recruiting-Runde vor. 38 ungarische Azubis will er diesmal unterbringen, die Nachfrage bei den Unternehmen ist groß. Er weiß jetzt besser um die Klippen beim Zuzug junger Ausländer. Die Sprache ist das A und O, gerade weil die Berufsschule Pflicht ist. Und weitere wichtige Dinge wollen gelöst sein: das Wohnen, die Heimfahrten. Für noch entscheidender hält Fahlbusch: "Gerade bei den jungen Leuten müssen wir eine besondere Willkommenskultur pflegen." Seine erste Gruppe trifft er immer noch einmal monatlich zum Stammtisch - auf dem Programm stehen Bowlen oder Deutsch-Ungarische Kochwettbewerbe.

Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wirtschaftsinitiative Ems-Achse in Papenburg, kennt den Faktor Heimweh. Er hat für seine Unternehmen in diesem Frühjahr organisiert, dass 15 arbeitslose junge Spanier ins Emsland kommen: ein Besuch mit Deutschkurs und zweimonatigem Praktikum beim potenziellen Ausbildungsbetrieb. Das Fernsehen kam auch und drehte freundliche Berichte mit Titeln wie "Hola Emsland".

Die Bilanz war am Ende nicht ganz so euphorisch: Sechs Spanier fangen eine Ausbildung an, vier können direkt als Fachkraft starten, weil ihre heimischen Abschlüsse angerechnet werden - aber fünf wollten wieder zurück. "Wir wissen nun, dass der Austausch im Prinzip funktioniert", sagt Lüerßen. "Aber wir wissen auch, wie wichtig es ist, mit der deutschen Sprache warm zu werden, um sich insgesamt wohl zu fühlen." 30 junge Spanier will er 2013 vermitteln. Was er besser machen will? "Wir werden schon vor Ort in Spanien ganz früh deutschen Input geben." Soll heißen: Keine Märchen-schlösser bauen und stärker noch auf Können und Lust beim Spracherwerb achten.

Gehalt aufgestockt

Bei MöllerTech in Thüringen ist Personalleiterin Karin Gramsch zufrieden, wie alles gekommen ist. Es passt einfach mit den jungen Ungarn. Die Firma hat die Unterkunft in einem Internat organisiert, das Lehrlingsgehalt aufgestockt und Heimfahrten mit einem Leihwagen spendiert. Gramsch muss schmunzeln, wenn sie an die Zettelwirtschaft der ersten Wochen denkt.

Das ist lange her. Ákos und Tamás kommen bald ins zweite Lehrjahr. Gramsch sagt: "Die beiden segeln gut durch die Ausbildung -und sie werden einen super Abschluss machen." Für das Unternehmen wäre es erst dann eine Win-Situation, wenn sie auch danach blieben. Beide wollen das. In der Firma hören sie das gern. Auch wenn alle wissen, das nichts sicher ist.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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