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Bleiben Sie doch etwas länger!

ZWISCHENRUF Weniger Rente und mehr arbeiten - das wird uns Freude bereiten (müssen)

Die Mathematik bestimmt, wie wir später einmal leben. Nicht die Politik, nicht die Aktienmärkte und nicht unser Anlageberater. In Wahrheit ahnten wir längst, dass irgendwann Abschied zu nehmen ist von längst verblassten Sehnsuchtsorten, die uns einmal "nach der Arbeit" mit 65 oder 67 Jahren eine Art ewiges Urlaubsdasein als Mallorca-Rentner verheißen hatten.

Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen wird die staatliche Rente später wohl nicht mehr reichen. Bereits heute können wir unsere langgehegten Rentenillusionen sehr schnell entzaubern, sobald wir auf die tatsächlichen Zahlbeträge blicken: 985 Euro erhalten heute Männer im Durchschnitt monatlich ausbezahlt, für Frauen gibt es durchschnittlich nur erschreckende 490 Euro Altersrente. Dabei reden wir von den heutigen Ruheständlern, die noch sehr häufig jahrzehntelang ohne Unterbrechung arbeiteten. Arbeitslosigkeit mit häufigem Jobwechsel oder ein Hin- und Herspringen zwischen angestellter und selbständiger Tätigkeit blieben für sie meist Fremdworte, heute sind sie längst Wirklichkeit.

In Zukunft wird es den so genannten Eck-Rentner mit mustergültigen 45 Beitragsjahren mit Durchschnittseinkommen, auf dem unser gesamtes Renten-Konzept insgeheim immer noch beruht, nicht mehr geben. Die nächste Generation kann rechnen und hat längst begriffen, dass sie es kaum schaffen wird, sich die 985 Euro Kaufkraft als staatliches Alterseinkommen zu sichern. Auch Betriebsrenten und Riester-Verträge können die Jüngeren nur ansparen, solange sie gut verdienen und ihres Jobs sicher sind. Ebenso sieht es aus mit dem Aufbau von Eigentum oder Kauf von Wertpapieren: Kippt der Job, wird die angesparte Vorsorge womöglich mit abgeräumt und die gesamte Alterssicherung beginnt von vorne. Solche Unsicherheiten sind heute zuverlässige Gewissheit in der Lebensplanung.

Die Lösung heißt: länger arbeiten. Für alle, die nicht zu den Erben von Groß-Vermögen oder zu den Lotto-Hauptgewinnern zählen, ist dies die einzige Option.

Der Abschied vom fallbeilartigen Arbeitsende mit 65 oder 67 muss kein Unglück sein. Er eröffnet vielmehr erstaunliche Perspektiven für ein aktiveres und würdevolleres Altern. Die Lebenszeit nach der aktuellen Rente erfährt unglaubliche Ausweitungen: Private Versicherer kalkulieren heute in ihren Sterbetafeln bereits für die jungen Menschen mit Lebenserwartungen von bis zu 115 Jahren! Und die Zeit zwischen 60 und 70 nennen Demografie-Forscher bereits jetzt "das geschenkte Jahrzehnt", in dem rüstige Rentner noch zu mehr fähig sind als zur Rosenzucht.

Erste Vorboten des Wandels lassen sich an der zunehmenden Zahl der Teil-Rentner ablesen. Sie fahren ab Ende Fünfzig auf Teilzeit zurück, gleiten langsam aus ihrem Vollzeit-Job heraus, ohne ihn ganz aufzugeben. Kluge Unternehmer wissen, wie sie sich das Know-how ihrer erfahrenen Kräfte sichern: indem sie diese als Berater und Mentoren für die Jüngeren einsetzen.

Nicht jeder wird sich als Berater und Mentor eignen, und quasi lebenslanges (Teilzeit-) Arbeiten ist auch für Dachdecker oder Krankenschwestern eher Theorie. Freilich nur, wenn wir weiter in der Kategorie "ein Leben - ein Job" verharren. Dies wird sich ändern, wir werden künftig zweite und dritte Professionen erlernen und mehr von unseren Talenten ausleben können. "Midlife" wird für Viele dann nicht mehr mit "Krise" assoziiert sein, sondern mit "Chance" - einer willkommenen Auszeit, die uns etwa in den Mittvierzigern Raum für eine Neuorientierung schafft. Die Mathematik der Rente schafft so ganz neue Perspektiven - freuen wir uns darauf!

Aus Politik und Zeitgeschichte

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