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Rainer Woratschka
Politik braucht Prognosen

STATISTIK I Eine exakte Vorhersage der Zahlen und Fakten zu Bevölkerungs- entwicklung, Lebenserwartung und Versicherungsbeiträgen in 30 Jahren ist heute unmöglich. Und trotzdem gibt es Berechnungen bis auf zwei Kommastellen

Die Therapie ist zwar strittig, doch wenigstens in der Diagnose des Problems sind sich alle einig. In Deutschland steigt die Lebenserwartung - und damit auch der Anteil derer, die im Alter auf Hilfe angewiesen sind. Auf immer weniger Berufstätige kommen immer mehr Pflegebedürftige. Und mit der zunehmenden Zahl von Hochbetagten steigt auch das Risiko von Demenzerkrankungen, die besonders intensive Betreuung erfordern. Bis 2050, teilt der Verband der privaten Krankenversicherer mit, werde sich die Zahl der Pflegebedürftigen glatt verdoppeln. Die Anzahl der Bürger im erwerbsfähigen Alter dagegen werde um 30 Prozent sinken. Schlimme Aussichten für die älter werdende Bevölkerung, der die Versicherer aber praktischerweise gleich ein probates Gegenmittel offerieren können: die private Vorsorgeversicherung.

Gezielte Angstmacherei

Will da jemand an selbst geschürten Ängsten verdienen? Bei Prognosen der Versicherungswirtschaft und den vielen von ihr mitbezahlten Wissenschaftlern ist seit jeher Vorsicht angebracht. Und auch wenn die Tendenz der Entwicklung unbestreitbar ist: Auf 40 Jahre, darin sind sich alle ernst zu nehmende Experten einig, lassen sich keine seriösen Vorhersagen treffen. "Wer vorgibt, über einen derart langen Zeitraum exakte Zahlen zu wissen, lügt", sagt der Koblenzer Statistik-Professor Gerd Bosbach. Es handele sich immer nur um Modellrechnungen, die der Öffentlichkeit aber allzu oft "als Fakten verkauft" würden.

Öffentlicher Diskurs

Mitunter bebarf es nicht einmal größerer Anstrengung: Auch Prognosen, die von ihren Urhebern mit der nötigen Wenn-Dann-Relativierung versehen sind, setzen sich im öffentlichen Diskurs fest - und werden als fundierte Vorhersagen übernommen. Die Bundestagsfraktion der SPD beispielsweise begründet ihr Pflegekonzept auf genau den Zahlen, mit denen gegenwärtig die Versicherungswirtschaft hantiert. Zukunft, auf zwei Kommastellen genau: 3,27 Millionen Pflegebedürftige im Jahr 2030. Und 4,36 Millionen im Jahr 2050.

Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen geht sogar noch weiter. Er glaubt, hochrechnen zu können, wie hoch die Pflegeversicherungsbeiträge im Jahr 2060 sein müssen. Ohne Reformen läge man dann bei fünf Prozent, behauptete Raffelhüschen im vergangenen Jahr. Und unter Berücksichtigung der steigenden Kosten und der wachsenden Zahl von Pflegeheim-Bewohnern seien acht Prozent realistisch. Selbst für den Fall, dass Rot-Grün bis dahin die Bürgerversicherung einführt, gibt Raffelhüschen vor, den Beitragssatz auf die Kommastelle genau zu kennen. Er läge dann bei 4,7 Prozent. Die entsprechende Studie erstellte Raffelhüschen für das Deutsche Institut für Altersvorsorge - das von der Deutschen Bank finanziert wird.

Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist weniger angreifbar - er wagt sich nur bis 2030 vor. Der Beitragssatz zur Pflegeversicherung müsse sich bis dahin verdreifachen, lautet seine Prognose.

Das Problem ist, dass die Politik Zahlen und Prognosen braucht - je detaillierter desto besser. Schließlich will und darf sie nicht nur reagieren, sie muss auch gestalten. Eine Rentenversicherung, die irgendwann erschrocken feststellt, dass ihr die Beitragszahler ausgegangen sind und die Rentner überhand genommen haben, ist nichts wert. Und für die steigende Zahl von Alten und Pflegebedürftigen braucht es nicht nur genügend Betreuer, sondern auch eine ganz andere Infrastruktur. Die demografische Veränderung ist die vielleicht größte soziale Herausforderung des Landes. Da muss man wissen, was auf einen zukommt.

Als allemal verlässlich und unverdächtig bei der Vorhersage der Bevölkerungsentwicklung gilt das Statistische Bundesamt. Doch auch dessen Prognosen sind als das zu lesen, was sie sind: Hochrechnungen mit Modellcharakter. Ihnen allen liegen "bestimmte Annahmen zu Lebenserwartung, Geburtenzahl und Wanderungssalden zugrunde", erinnert Statistiker Bosbach, der selbst dort gearbeitet hat. In seiner 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung präsentiere das Bundesamt nicht weniger als zwölf Modellrechnungen. Die Bevölkerungszahl des Jahres 2060 schwankt darin zwischen 61,8 und 76,9 Millionen Menschen. Eine Differenz von 15 Millionen! Man sei eben nur in der Lage, bestimmte Trends auf die Zukunft fortzuschreiben, sagt Bosbach. Strukturbrüche, die es in der Vergangenheit immer wieder gegeben hat und die teilweise auch politisch auslösbar sind, bleiben ausgeklammert.

Um sich das zu vergegenwärtigen, braucht man nur 60 Jahre zurückgehen. Damals konnte kein noch so gewiefter Statistiker die Auswirkungen vom Pillenknick, dem Gastarbeiterzuzug, der weiblichen Berufstätigkeit oder den Single-Lebensformen erahnen. Hinzu kamen Wiedervereinigung, Wanderungsbewegungen und Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU. Das alles war nicht annähernd vorhersehbar. Wenn die "Dramatisierer von heute", wie der Statistikprofessor Bosbach die Propheten unserer Tage nennt, im Voraus von Wende und Wanderung gewusst hätten, hätten sie seiner Ansicht auch wohl den totalen Zusammenbruch der Sozialsysteme prophezeit.

Klar ist: Die Lebenserwartung wird nicht mehr in dem Maße steigen wie bisher. Exakt zugrundelegen lässt sie sich aber nur anhand derer, die bereits tot sind. Im Moment gehen die Statistiker folglich von denen aus, die um 1940 herum geboren sind. Doch deren Lebensumstände waren ganz andere als die der 20 oder 30 Jahre später Geborenen. Mit beträchtlichen Folgen für Aktivität, Gesundheitszustand, Betreuungsbedarf im Alter.

Wenn im Jahr 2050 tatsächlich die Hälfte der Bundesbürger älter als 50 ist, wie vorhergesagt, ist das nicht per se beunruhigend - weil nicht aus den Erfahrungen der Gegenwart heraus zu bewerten. Der 60jährige von heute hat die Physis eines 50-Jährigen vor 30 Jahren. Die Menschen werden älter und bleiben dabei auch länger fit.

Mediziner weisen darauf hin, dass die Alterung der Gesellschaft nicht automatisch höhere Krankheitskosten bedeutet. Die körperlichen Malaisen treten später auf. Lebensweise, Prävention und medizinischer Fortschritt spielen dafür eine entscheidende Rolle. Am Ende der Kette steht die Pflegebedürftigkeit. Und ein gutes Beispiel dafür, wie fragwürdig diesbezügliche Prognosen sind, ist das Alzheimer-Risiko. Derzeit leiden 1,3 Millionen Menschen unter Demenz. Aufgrund der Alterung werde sich diese Zahl in 20 Jahren verdoppelt und in 40 Jahren sogar vervierfacht haben, behauptet die internationale Alzheimer Organisation - und nennt als Grund dafür, dass die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken, im höheren Alter drastisch steigt.

Alzheimer-Risiko kann sinken

Konrad Beyreuther, Alzheimerforscher an der Heidelberger Universität, bringen solche simplen Fortschreibungen in die Zukunft auf die Palme. "Unverantwortlich" und "in keiner Weise gerechtfertigt", nennt er sie. Schon heute seien ältere Menschen kognitiv stärker gefordert als früher. Das werde sich weiter verstärken, etwas durch die zunehmende Computernuztzung im Alltag. Forschern zufolge lässt sich das Alzheimer-Risiko durch geistige Regsamkeit halbieren. Womöglich steigt die Zahl der Demenzkranken also gar nicht groß - der Ausbruch der Krankheit würde sich bloß um die gewonnenen Jahre nach hinten verschieben. Denkbar wäre es. Exakt prognostizierbar ist es nicht.

Der Autor ist Journalist des "Tagesspiegel" in Berlin.

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