Inhalt

Susanne Kailitz
Im Westen werden die Deutschen älter

STATISTIK II Die Lebenserwartung in den einzelnen Bundesländern ist extrem unterschiedlich. Die Gründe dafür sind vielfältig

Idyllische Fachwerkhäuser, Weinberge und die romantische Neckarinsel: In Tübingen lässt es sich gut aushalten. Und auch besonders alt werden - denn wer hier geboren wird, darf sich über die höchste Lebenserwartung in Deutschland freuen.

Bei 84,4 Jahren liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei der Geburt eines Mädchens im Moment. 79,9 Jahre sind es für einen Jungen. Damit liegen die Tübinger deutlich über dem Bundesschnitt. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes liegt die durchschnittliche fernere Lebenserwartung in Deutschland für Frauen bei 82,6 Jahren und für Männer bei 77,51. Seit vielen Jahren schon schneidet das Bundesland Baden-Württemberg dabei regelmäßig überdurchschnittlich ab. Während Frauen hier im Durchschnitt 83,5 Jahre alt werden, kann die weibliche Bevölkerung in Sachsen-Anhalt nur mit 81,7 Jahren rechnen.

Sterblichkeitsunterschiede

Wie kann es sein, dass die Lebenserwartung innerhalb eines Landes so unterschiedlich ist? Auf diese Fragen geben Demografen nur zögerliche Antworten. Denn so gut man auch die Korrelationen kenne, so wenig wisse man letztlich über die Kausalitäten, gibt der Volkswirt am Mannheimer Forschungsinstitut Ökonomie und demografischer Wandel (MEA), Hans-Martin von Gaudecker, zu. Er hat sich der Gründe für die "zum Teil erstaunlich hohen" Sterblichkeitsunterschiede in Baden-Württemberg auf Kreisebene angenommen und dabei einen Hauptverantwortlichen ausgemacht: den sozioökonomischen Status. "In Kreisen mit hohem Einkommen leben die Menschen im Durchschnitt länger als in Kreisen mit geringem Einkommen." Daran gekoppelt ist auch ein hohes Bildungsniveau, wie der Volkswirt im Statistischen Landesamt Baden-Württemberg Werner Brachat-Schwarz weiß. Gerade für den Landkreis Tübingen sei auffällig, dass dort der Anteil der Beschäftigten mit Hochschulabschluss höher sei als in allen Landkreisen; zudem wechselten nirgendwo so viele Grundschüler auf ein Gymnasium.

Wie genau Einkommenshöhe und Bildungsstand zusammenwirken, um Menschen eine höhere Lebenserwartung zu verschaffen, wissen die Fachleute nicht. Sie haben aber starke Vermutungen: "Ein höheres Einkommen wirkt sich vermutlich günstig auf die Lebensweise und die Lebensumstände aus", so Brachat-Schwarz, "dazu gehören ein größeres Gesundheitsbewusstsein, ein leichterer Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ebenso wie das Ernährungsverhalten." Während im internationalen Vergleich die Lebenserwartung vor allem in Entwicklungsländern wesentlich von anderen Faktoren - etwa dem Zugang zu Nahrung und Wasser oder Umweltbedingungen - abhänge, spielten diese in hoch entwickelten Staaten wie Deutschland keine entscheidende Rolle.

Einfluss der Bildung

"Man geht davon aus, dass gut gebildete Menschen sich besser ernähren, weniger rauchen und häufiger an Vorsorgemaßnahmen teilnehmen", sagt von Gaudecker, "aber so lange wir nur mit Durchschnittswerten arbeiten können, die nicht auf der individuellen Ebene liegen, sind viele der Überlegungen zu den Kausalitäten letztlich Stochern im Nebel."

Zu ihren Erkenntnissen kamen die Forscher, als sie für ihre Berechnungen sowohl Einkommensteuerstatistiken wie auch Renteneinkünfte als Variablen benutzten.

In anderen Untersuchungen, die sich vor allem mit der unterschiedlichen Lebenserwartung in Ost und West beschäftigen, geht es auch um den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Arbeitsunfähigkeit und Lebenserwartung. Die Vermutung, dass beide Faktoren zusammenhängen, liegt nahe: Die Lebenswartung für Männer liegt in allen ostdeutschen Bundesländern unter dem Bundesschnitt. Mit 10,3 war hier im Juni 2012 die Arbeitslosenquote fast doppelt so hoch wie in Westdeutschland. So hat etwa Rembrandt Scholz, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für demografische Forschung, nachgewiesen, dass die ostdeutsche Bevölkerung hinsichtlich wichtiger Strukturmerkmale - etwa Beschäftigung und Sozialversicherung - eine ungünstigere Zusammensetzung habe als die westdeutsche. Dies führe "insgesamt zu einer höheren Sterblichkeit im Osten." Am höchsten sei die Lebenserwartung der Menschen, die "weder Anrechnungszeiten für Arbeitslosigkeit noch für Krankheit" aufwiesen, am niedrigsten sei die derjenigen, für die sowohl Krankheit wie auch Arbeitslosigkeit verzeichnet werde. Auch der Münchner Soziologe Dieter Korczak weist darauf hin, dass Menschen, die nach den OECD-Kriterien als arm gelten, einen höheren Krankenstand hätten als diejenigen, die nicht arm seien.

Angleichung

Trotz der deprimierenden Befundes sind die Forscher letztlich optimistisch: So kommt Rembrandt Scholz zu dem Schluss, dass sich die Lebenserwartung deutschlandweit angleichen würde, wenn sich die Arbeitsmarktsituationen in Ost- und Westdeutschland anpassten. Zudem habe die Lebenserwartung in Ostdeutschland innerhalb der vergangenen 20 Jahre um rund sieben Lebensjahre zugenommen. Das liege vor allem an der Annäherung der Lebensbedingungen, vor allem an der medizinischen Versorgung hüben und drüben.

Und für diejenigen, die in Sachen Lebenserwartung im "falschen" Bundesland geboren sind, hat Dieter Korczak aufmunternde Erkenntnisse: "Wir wissen, dass die subjektive Lebensqualität vor allem durch Familie, Freunde und soziale Netzwerke bestimmt wird - und auch bei Menschen hoch sein kann, die objektiv in ungünstigen Umständen leben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag