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Martin Lassak
Sicher Leben dank Sensoren

WOHNEN IM ALTER Technische Systeme sollen den Alltag der Senioren in ihrer Wohnung erleichtern

Es klingt schon etwas gruselig. Sensoren im eigenen Heim, die jeden Schritt überwachen, die wissen, wann man das Bett verlässt, sich wäscht oder den Kühlschrank öffnet. Doch ein solches Szenario könnte die Zukunft sein.

Denn die soziale Entwicklung Deutschlands geht klar in eine Richtung: Die Zahl der älteren, allein lebenden Menschen nimmt zu. Daher fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Entwicklung technischer Systeme, die einmal den Alltag älterer Menschen erleichtern sollen. Das Konzept heißt "Ambient Assisted Living" (AAL), übersetzt: "Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben".

Bereits heute müssen laut Statistischem Bundesamt rund 2,4 Millionen Menschen gepflegt werden. Bis 2030 wird sich die Zahl fast verdoppeln. "Spätestens, wenn die Babyboomer - die geburtenstarken Jahrgänge von 1955 bis 1965 - in das Pflegealter kommen, werden intelligente Sensor-Technologien in den betroffenen Haushalten notwendig sein", sagt der Sprecher des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung, Reiner Wichert.

Es sind Wissenschaftler wie Klaus Scherer und Viktor Grinewitschus, die im "inHaus-Zentrum" des Fraunhofer Institut in Duisburg an der Entwicklung dieser Systeme arbeiten. "Es geht um die Frage, wie ein frühzeitiger Umzug in ein Pflegeheim verhindert werden kann", sagt Scherer. Dabei spielen Sensoren eine zentrale Rolle, die selbstständig Alarm auslösen, wenn ein Bewohner Hilfe braucht.

AAL-Sensoren funken, wenn jemand stürzt. Die Position der am Boden liegenden Person wird an einen Zentralrechner übertragen, der daraufhin per SMS Nachbarn, Angehörige oder den Pflegenotdienst benachrichtigt. Die Sensoren können als dünne Drähte im Boden eingebaut sein, als druckempfindlicher Teppich ausliegen oder noch einfacher: in Form eines Armbands von den Personen getragen werden. "Die Sensoren sind mit einem Höhen- und einem Beschleunigungsmesser ausgestattet", sagt Grinewitschus. So lässt sich unterscheiden, ob die Person gestürzt ist oder sich freiwillig auf den Boden gelegt hat.

Sensoren statt Notrufknöpfe

Zwar gibt es bereits Notrufknöpfe, doch diese müssen von den Betroffenen selbst aktiviert werden. "Oft ist der Knopf im entscheidenden Moment nicht in der Nähe", sagt Scherer. Menschen würden häufig nach einem Sturz oder Zusammenbruch stundenlang am Boden liegen, weil sie nicht in der Lage sind, den Notfallknopf im Nebenzimmer zu drücken. "Ein anderes Problem ist", fügt Grinewitschus hinzu, "dass alte Menschen vor dem Drücken des Notfallknopfs zurückschrecken, weil sie in der Vergangenheit schon einmal Fehlalarm ausgelöst haben." Deshalb würden viele Notfälle nicht erkannt.

AAL-Sensoren lösen nicht nur bei Stürzen selbstständig Alarm aus, sie erkennen auch, wenn Demenzkranke mitten in der Nacht das Haus verlassen. Oder wenn jemand ins Bad geht, aber nicht wieder herauskommt. "Die Sensoren melden der Pflegezentrale: Da könnte etwas sein", erklärt Scherer den Sinn der automatischen Warnmelder. Daraufhin kann ein Anruf erfolgen oder eine automatische Sprachverbindung in die Wohnung, um sich nach dem Befinden der Person zu erkundigen. Folgt keine Entwarnung, sieht die Pflegezentrale per GPS, welches der Pflegedienstfahrzeuge sich in der Nähe befindet. Auf diesem Weg kann in kürzester Zeit Hilfe vor Ort sein.

Michael Schidlack vom Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e. V. ist von AAL-Technologien überzeugt: "Wenn die Zahl pflegebedürftiger Menschen aufgrund des demografischen Wandels ansteigt, wird der Einsatz moderner Instrumentarien unumgänglich sein, um die Kosten und den Personalbedarf im Rahmen zu halten." Mit bedarfsorientierter Pflege könnten enorme Spareffekte erzielt werden, betont Schidlack. "Für alte Menschen ist es natürlich schön, wenn jeden Tag jemand vorbeischaut. Andererseits lässt sich enorm sparen, wenn Pfleger vor allem dann kommen, wenn etwas nicht normal zu funktionieren scheint."

Sensoren im Kühlschrank, an Waschgelegenheiten, in der Matratze können den Tagesablauf einer Person überwachen. Hält die Person die gewohnten Tagesabläufe ein, bleibt bei Ambient Assisted Living die Ampel im Pflegezentrum auf Grün. "Wenn bei einer Person, die normalerweise um acht Uhr aufsteht, der Drucksensor im Bett bis elf Uhr nicht anzeigt, dass die Person aufgestanden ist, geht die Ampel auf Rot - eine Pflegekraft kommt vorbei." Just-in-Time-Assistance sagen Experten dazu, abgekürzt JUTTA, wie die Duisburger Wissenschaftler es nennen.

"Mir wäre das zu viel Überwachung", sagt Hans Cott (87), der sich aus Interesse mit Ambient Assisted Living beschäftigt hat. "So viel Freiheit will ich schon haben, dass ich auch mal bis Mittags um zwölf oder eins im Bett bleiben kann, ohne dass gleich irgendein Sensor anschlägt." Letztlich kann sich Cott nicht vorstellen, dass so viel Technik von der Krankenkasse bezahlt würde. Die Palette des Fraunhofer Instituts reicht vom Bewegungsmelder bis zum Inkontinenzsensor. Ein Koffer mit allen Komponenten kostet etwa 2.000 Euro. Die Sensoren arbeiten ohne Batterie, kleine Solarzellen machen es möglich. "Pflegeleichte Technik, die innerhalb einer Stunde installiert ist", sagt Scherer.

Intelligente Lichtsysteme spielen bei Ambient Assisted Living auch eine wichtige Rolle. Etwa um einem Sturz vorzubeugen. Steht eine Person zum Beispiel nachts auf, nehmen das die Sensoren in der Matratze wahr und schalten die Beleuchtung rund um das Bett ein, leuchten die Strecke zum Bad automatisch aus. Intelligente Bewegungsmelder antizipieren die Gangrichtung und schalten das Licht in Räumen schon an, bevor sie betreten werden. Damit die Bewohner bei nachlassendem Hörvermögen nicht verpassen, wenn das Telefon läutet oder jemand an der Tür klingelt, blinkt im Duisburger Forschungshaus in diesen Momenten zweimal die Zimmerbeleuchtung.

"Unser Ziel ist es, die Wohnung der Zukunft fehlertolerant zu machen", betont Grinewitschus und meint damit den Einbau von Sensoren, die registrieren, wenn man den Herd angelassen hat oder Wasser überzulaufen droht. "Wenn es in der Küche anfängt zu kokeln, merkt das der Rauchmelder und schaltet den Herd automatisch ab." Wenn das tatsächlich funktioniert, wäre das natürlich eine gute Sache, findet Cott. Was den Rentner richtig begeistert, ist die Idee eines Sensor-Shirts. Es misst den Herzschlag und erkennt, wenn ein bestimmter Schwellenwert überschritten wird. "Es wäre ein beruhigendes Gefühl, dass ein Arzt oder eine Leitstelle im Falle eines Herzinfarkts sofort informiert werden", sagt Cott.

Besonders eifrig im Datensammeln für Herz- und Diabetespatienten ist die AAL-Toilette, die im Projekt "Sensorbasiertes Patientenmonitoring" im Schmerzzentrum in Berlin getestet wurde. Sensoren in der Brille messen Gewicht, Temperatur, EKG und Blutdruck. Ein Urin-Check erfasst die Blutzuckerwerte des Benutzers. Bei bedenklichen Veränderungen werden Ärzte oder Pfleger informiert. "Das ist sicher gut gemeint, aber als alter Mensch will man so viel Kontrolle nicht haben", ist sich Cott sicher.

Bessere Integration

Bei Ambient Assisted Living geht es auch darum, ältere Menschen sozial besser zu integrieren: "Wenn ein Partner stirbt, wie lässt sich verhindern, dass allein lebende Menschen vereinsamen?", fragt Wichert - "mehr Technik" lautet seine Antwort. Mit einem Monitor am Herd und vereinfachter Videotelefonie können ältere Frauen sich mit der Tochter beim Kochen unterhalten. Ein internetfähiger Fernseher macht es ebenfalls leicht, mit Freunden und Angehörigen in Verbindung zu treten. Das alles, ohne umständlich im Internet suchen zu müssen. "Einfache Anwendungen, die sich ohne viel Technikverständnis bedienen lassen", beteuert Wichert. "Depressionserkrankungen aufgrund von Alleinsein kann so vorbeugt werden."

Cott hingegen äußert Bedenken: "Dieses System könnte auch Kriminelle interessieren, die wissen wollen, wann ich nicht zu Hause bin." Interessant findet der skeptische Senior den Spiegel, der einem riesigen Smartphone gleicht und an die regelmäßige Medikamenteneinnahme erinnert. Eine elektronische Medikamentenbox registriert, ob ein Patient seine Medikamente verordnungsgemäß entnimmt. Geht ein Medikament zur Neige, wird eine Nachbestellung automatisch veranlasst. Die regelmäßige Patientenkonsultation würde nach wie vor der Hausarzt übernehmen. Der könnte sich per Videotelefonie über den Internetfernseher zuschalten und den Patienten so den Weg in die Praxis ersparen.

Intelligente Systeme sollen die Bewohner aber nicht nur im täglichen Leben unterstützen, sondern auch dabei helfen, Energie zu sparen: Im vernetzten Heim der Zukunft schaltet sich die Heizung automatisch ab, wenn das Fenster geöffnet wird. Beim Abschließen der Haustür gehen alle Stromverbraucher von allein aus. Die Geschirrspülmaschine startet, wenn der Strom günstig ist. "Das Querschnittsthema Energieeffizienz spielt natürlich immer eine Rolle", sagt Scherer. Bei der Frage, wann die smarten Assistenzsysteme in der Praxis eingesetzt werden, muss Scherer lachen: "Wenn die Leute wissen, dass es das gibt - und wenn es gefördert wird." Neben der ungeklärten Finanzierung, bleibt außerdem abzuwarten, ob Menschen überhaupt für schnelle Hilfe im Notfall dauerhafte Überwachung in Kauf nehmen wollen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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