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Peter Boßdorf
Kämpfer auf Facebook gesucht

Bundeswehr Nachwuchsdecke für den Soldatenberuf ist erheblich dünner als vor 20 Jahren. Zuspruch unerwartet hoch

Nicht zum ersten Mal steht für die Bundeswehr eine Reform auf der Tagesordnung. Die aktuelle Reform kann als die grundlegendste ihrer Geschichte gelten. Kaum etwas bleibt, wie es war. Vom Ministerium abwärts bis in den letzten Truppenteil hinein wird aufgelöst, umgebaut und neu aufgestellt. Für die Öffentlichkeit ist vor allem eine mit Standortschließungen einhergehende Reduzierung des Personalumfangs wahrnehmbar. Waren in der alten Struktur knapp über 250.000 Soldatinnen und Soldaten eingeplant, so werden es in Zukunft nur noch 175.000 bis 185.000 sein. Auch die Zahl der Zivilbeschäftigten wird deutlich sinken - von etwa 76.000 auf 55.000.

Sparbeitrag

Die Bundeswehr soll einen Beitrag zur Konsolidierung der Staatsfinanzen leisten. Dies ist ein Grund für die Reform, aber nicht der einzige. Auch gilt es, ihre seit langem beklagte Überbürokratisierung zu überwinden. Und sie soll, so verkünden die Planer im Ministerium, nicht zuletzt "demografiefest" sein. Schließlich mache es keinen Sinn, irgendwelche Sollstärken in den Raum zu stellen, wenn man nicht sicher sein kann, genügend Personal zu rekrutieren. Die Geburtenjahrgänge, die die Bundeswehr heute für die Nachwuchsgewinnung ins Auge fasst, sind nämlich nur noch ungefähr halb so stark wie jene von vor 20 Jahren. Dies wird zwar ein wenig dadurch aufgefangen, dass alle militärischen Laufbahnen seit 2001 auch Frauen offen stehen. Allerdings sind derzeit gerade einmal neun Prozent der Angehörigen der Streitkräfte weiblichen Geschlechts. Mehr Soldaten als jetzt geplant, so hat Verteidigungs-Staatssekretär Stéphane Beemelmans jüngst auf einer Konferenz des Reservistenverbandes bekräftigt, sind daher aus demografischen Gründen nicht möglich, selbst wenn man es wollte und finanzieren könnte.

Die Ziele, die man sich im Berliner Bendler-Block gesetzt hat, sind ambitioniert. In Zukunft müssen Jahr für Jahr 13.000 junge Männer und Frauen als "Soldaten auf Zeit" gewonnen werden, um den angestrebten Personalumfang zu halten. Da nicht alle Bewerber geeignet sind und die Bundeswehr - nicht anders als Unternehmen - unter ihnen die am besten erscheinenden auswählen möchte, hofft man, dass die Zahl der Interessenten möglichst um ein Vielfaches höher liegt.

Darüber hinaus sollen stets mindestens 5.000, höchstens jedoch 15.000 junge Männer und Frauen freiwilligen Wehrdienst von bis zu 23 Monaten leisten. Im ersten Jahr nach der Aussetzung der Wehrpflicht gab es hierfür unerwartet hohen Zuspruch. Unter 35.000 Bewerbern wurden knapp 12.500 ausgewählt - mit einer durchschnittlichen Wehrdienstdauer von 15 Monaten. Sorge bereitet der Bundeswehr, dass nahezu 25 Prozent der Freiwilligen den Dienst vorzeitig quittierten.

Masse allein macht es jedoch nicht. Die Bundeswehr ist eine High-Tech-Armee. Für sehr viele Dienstposten wird Personal benötigt, das bereits spezielle Qualifikationen mitbringt, auf denen eine aufwändige Ausbildung aufbauen kann. Angesichts des latenten Fachkräftemangels steht die Bundeswehr in der Nachwuchsgewinnung daher in Konkurrenz mit der Wirtschaft, die sich in den kommenden Jahren deutlich verschärfen dürfte. Was etwa Ärzte, IT-Spezialisten und Ingenieure betrifft, kann sie bereits heute ihren Personalbedarf nicht decken.

Daher wird die Nachwuchsgewinnung der Bundeswehr neu organisiert. 16 Karrierecenter, 110 ständig besetzte und bis zu 200 mobile Beratungsbüros sollen flächendeckend präsent sein. Unter vielfältigen Aspekten - von der Kinderbetreuung bis zur zivilberuflichen Aus- und Weiterbildung - soll die Attraktivität des Dienstes erhöht werden. Auch ihre anfängliche Zurückhaltung gegenüber sozialen Netzwerken wie Facebook hat die Bundeswehr überwunden. Nur beim Geld sind ihr die Hände gebunden. Geld allein, so meint sie selbstbewusst, macht die Attraktivität eines Arbeitsplatzes aber nicht aus. Auch das Gefühl, etwas Sinnvolles für das Gemeinwohl zu leisten, könne berufliche Erfüllung bieten. Der Slogan "Wir. Dienen. Deutschland" soll dies zum Ausdruck bringen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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