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Franz Ludwig Averdunk
Bauen für mehr Mobilität und Klimaschutz

Wohnungswirtschaft Es fehlen mehrere Millionen barrierefreie Wohungen für die älter werdende Gesellschaft. Demografiebedingte Investitionen stützen die Konjunktur

Bauen gegen die Krise? Peter Ramsauer (CSU), der zuständige Minister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, gibt sich überzeugt: Nach einem "guten Jahr 2011" werde die Branche "ihren Aufschwung 2012 und 2013 fortsetzen". Und Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschafts-forschung, sprach von einem regelrechten "Bauboom". Clevere Hausbesitzer gehen ihre beiden großen Herausforderungen inzwischen in einem Arbeitsgang an: Ganze Wohnblöcke werden nicht nur energetisch saniert, um den Klimawandel abzumildern, sondern mit dem altersgerechten Umbau stellt man sich auch den demografischen Herausforderungen. Denn nur ein Prozent aller Wohnungen gilt heute als altersgerecht beziehungsweise barrierearm.

Es sind fast immer dieselben Barrieren, die beseitigt werden müssen. Für den Zugang zum Haus oder zur Wohnung müssen Rampen und Aufzüge gebaut werden. Die Türen sind zu verbreitern, und Türschwellen müssen beseitigt werden, damit Rollstuhlfahrer ein Durchkommen haben. Teuer wird im Regelfall auch der notwendige Umbau von Duschen und Toiletten.

Mehr Wachstum

Barrierefreier Umbau und energetische Sanierung haben einen Zusatzeffekt: Sie lösen gigantische Investitionen aus. Hier wird aus dem angeblichen demografischen Problem sogar ein Wachstumsfaktor, der mit zunehmender Alterung der Gesellschaft immer größer werden wird. Bereits heute wächst die Bauwirtschaft stärker als der Rest der Wirtschaft. 2011 nahmen die Bauinvestitionen gegenüber dem Vorjahr um 2,8 Prozent zu. Die Wirtschaftsforschungsinstitute gaben in ihrem letzten Frühjahrsgutachten die Einschätzung, in diesem Jahr werde es abermals eine Steigerung geben - und zwar um 2,3 Prozent. 2013 kämen noch einmal 4,8 Prozent hinzu.

Boom am Bau

Der Ökonomie-Professor Sinn sieht als Ursache: "Die Euro-Krise treibt immer mehr Kapital in den sicheren Hafen Deutschland und feuert unsere Bauwirtschaft an." Der Boom werde "nicht nur von Investoren getragen, sondern auch von normalen Häuslebauern, die sich über die niedrigsten Kreditzinsen seit Menschengedenken freuen". Sie ergreifen damit auch die Chance zum altersgerechten Umbau ihrer Wohnungen und Häuser.

Das Frühjahrsgutachten verweist zudem auf eine günstige Einkommensentwicklung der privaten Haushalte. Überdies würden Wohnimmobilien als wertbeständige Anlage eingestuft. Es ist denn auch der Wohnungsbau, dem die Institute für dieses und das nächste Jahr die höchsten Zuwachsraten zumessen - deutlich mehr als im Wirtschaftsbau und insbesondere im öffentlichen Bau. Die Konjunkturpakete sind inzwischen ausgepackt.

Der Zentralverband Deutsches Baugewerbe stellte im Rückblick auf 2011 gerade erst heraus, das Wachstumstempo in seiner Branche habe sich gegenüber dem Vorjahr verdoppelt: "Ein so deutlicher Zuwachs wurde die letzten 16 Jahre nicht registriert."

Als "Träger des Wirtschaftsaufschwungs" sieht sich die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, so der Gesamtverband der Wohnungswirtschaft (GdW). Er verweist auf 9,6 Milliarden Euro an Investitionen im vergangen Jahr - ein Plus von 7,7 Prozent. Präsident Axel Gedaschko geht davon aus, dass 2012 "erstmals seit 2001 die Zehn-Milliarden-Marke überschritten" werde.

Zwei Drittel der Summe stecken die GdW-Verbandsmitglieder in Modernisierung, Instandsetzung und Instandhaltung der Ge-bäude. Womit unter anderem jener Bereich angesprochen ist, der Ramsauer sehr am Herzen liegt: die finanziellen Anreize zur Beschleunigung der energetischen Gebäudesanierung - die freilich die Wohnungswirtschaft als deutlich unzureichend einstuft, jedenfalls im Vergleich zur Förderung der Erneuerbaren Energien.

Als spezieller Investitionsbereich entwickelt sich überdies rasant die Schaffung von barrierefreiem, mindestens barrierearmen Wohnraum. Nicht zuletzt mit Blick auf die Demografie rückte dieser Sektor zunehmend auch in den Fokus des Bundestags.

Drei Anträge beschäftigen sich mit der Thematik. Die SPD-Fraktion (17/6295) macht sich unter anderem dafür stark, die Musterbauordnung gemeinsam mit den Bundesländern zu überarbeiten. Die Linksfraktion (17/9426) hebt zusätzlich die Bedeutung von Förderprogrammen hervor. Bei Bündnis 90/Die Grünen (17/9406) findet sich der Denkanstoß, das KfW-Programm "Altersgerechter Umbau" den Erfordernissen anzupassen. Ein barrierefreies Lebensumfeld, das alle Menschen selbstbestimmt gemeinsam nutzen und mitgestalten können, ist eine grundlegende Voraussetzung, um soziale Teilhabe zu ermöglichen und Ausgrenzung zu unterbinden, schreiben die Abgeordneten zur Begründung. Ziel müsse es sein, allen Menschen ein selbstbestimmtes und gemeinschaftliches Leben zu ermöglichen.

Die KfW gewährt Kondititonen, wie sie sonst nur südeuropäische Banken bei der Europäischen Zentralbank erhalten. Die Kredite laufen bis zu 30 Jahren, und bis zu fünf Jahre sind tilgungsfrei. Pro Wohneinheit gibt es bis zu 50.000 Euro.

Die drei Fraktionsanträge bildeten die Basis einer Anhörung des Ausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Anfang Mai. Dabei machte GdW-Vertreter Christian Lieberknecht deutlich, Vermieter und Mieter hätten gleichermaßen großes Interesse daran, dass Wohnungen und Wohnumfeld "so lange wie möglich attraktiv gehalten und gemacht werden". Im Neubau sei "vieles möglich". Aber mit Blick auf den Bestand sprach er von "technischen und ökonomischen Schwierigkeiten". Lieberknecht verwies auf das Kuratorium Deutsche Altershilfe, demzufolge derzeit 2,5 Millionen Wohnungen ohne oder mit nur kleinen Barrieren vonnöten seien, in wenigen Jahren schon drei Millionen.

Auch Volker Sieger vom "Institut für barrierefreie Gestaltung und Mobilität" rechnet für das Jahr 2025 mit einem Bedarf von rund zwei Millionen barrierefreien Wohnungen. Dieser Wohnraumbedarf werde überwiegend durch Modernisierungsmaßnahmen im Bestand gedeckt werden müssen, da im Vergleich die Zahl der Neubauvorhaben verschwindend gering sei. Selbst wenn alle Neubauvorhaben im Geschosswohnungsbau ab sofort barrierefrei errichtet würden, könnte der prognostizierte Bedarf in 2025 nicht erreicht werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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