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Annette Sach
Langer Lauf zum Lebensende

EUROPA Europas Bürger werden immer älter. 2012 rief die Europäische Kommission das Jahr des aktiven Alterns aus. Mit Initiativen wie dieser will sie neue Impulse setzen. Für konkrete Maßnahmen fehlt ihr allerdings die Kompetenz.

Aus dem Off ertönt die Melodie von Günther Jauchs Fernsehquiz "Wer wird Millionär?" - allerdings in der Klavierfassung. Und statt des deutschen Fernsehlieblings stellt im nachgebauten Studio eine rüstige ältere Dame der Seniorentheatergruppe Köpenick Fragen über Europa, zum Beispiel: "Wofür stehen die zwölf Sterne auf der europäischen Flagge?" Zu sehen ist das Ganze in einem TV-Quiz: "Wer wird Europamillionär?" heißt der Einspielfilm, den Peter Wolf an diesem Dienstag Senioren in einer Begegnungsstätte in Bad Saarow (Brandenburg) zeigt. Der Geschäftsführer des Vereins Bürger Europas e.V. macht europapolitische Bildungsarbeit - mit Senioren. Statt Vorträge über den Sinn und Zweck Europas zu halten, versucht er mit seinem etwas anderen Europa-Quiz, ältere Menschen für das Thema zu begeistern. In weiteren Einspielfilmen klärt er die Rentner darüber auf, was man wissen muss, um eine Kur im EU-Ausland zu beantragen oder welche europäischen Lebensmittelsiegel es gibt. "Die Reaktionen der Teilnehmer sind durchweg gut", erzählt der gelernte Außenwirtschaftsökonom. Dann sagt Wolf: "Ältere Menschen haben Zeit und Interesse."

Megatrend

Wolfs Seniorenarbeit ist eine von insgesamt 45 Initiativen zum "Europäischen Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen", die 2012 in Deutschland vom Bundesministerium für Familie Senioren, Frauen und Jugend mit 890.000 Euro gefördert werden. "Mit dem Europäischen Jahr 2012 werden die Potenziale älterer Menschen aufgezeigt und mobilisiert", sagt Christine Massion, Leiterin der Geschäftsstelle für das Europäische Jahr 2012. Von über 300 eingereichten Projekten wurden dafür 45 ausgewählt. "Diese Projekte zeigen eine breite Vielfalt guter Aktivitäten, die wichtige Impulse für gutes Altern geben", sagt Massion. Mehr als ein Drittel der Älteren in Deutschland engagiert sich bereits freiwillig und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Solidarität zwischen den Generationen. Dennoch gibt sie zu bedenken: "Man darf nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die in diesem Lebensabschnitt Hilfe brauchen."

Große Schere

Ältere Menschen, weiß Massion, sind daher einer der wichtigsten "Stützpfeiler, auf den wir nicht verzichten können, wenn es darum geht, den Herausforderungen des demographischen Wandels zu begegnen - sowohl auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene."

In der Tat ist das Auseinanderdriften der Generationen kein deutsches Phänomen. Deutschland muss in Zukunft allerdings ein besonderes Interesse haben, die Potenziale älterer Menschen zu aktivieren, denn der demogafische Wandel ist im Vergleich mit anderen europäischen Ländern hier besonders sichtbar: Es gibt in Europa kein Land, das einen höheren Anteil von Menschen über 65 Jahre hat. Ihr Anteil lag im Jahr 2010 laut Eurostat bei 20,7 Prozent, dicht gefolgt von Italien mit 20,2 Prozent und Griechenland mit 18, 9 Prozent. Dagegen leben in Irland die wenigsten älteren Menschen. Ihr Anteil betrug 2010 lediglich 11,3 Prozent. 2030 werden in Deutschland 29 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein, während es in Irland nur 16 Prozent sein werden. Dementsprechend haben die Deutschen im Vergleich zu den 27 anderen EU-Staaten auch das höchste Durchschnittsalter: 2011 betrug es 44,6 Jahre, während Franzosen, Dänen und Spanier im Schnitt vier Jahre jünger sind.

Für diese Entwicklung gibt es auch in Europa vor allem zwei Erklärungsmuster: Die niedrigere Geburtenrate und die höhere Lebenserwartung. Bei den Geburten ist Deutschland weiterhin Schlusslicht in Europa. 2010 kamen in Deutschland auf 1.000 Einwohner 8,3 Geburten, während es im EU-Durchschnitt 10,7 Kinder waren. Auch hier wurden die höchsten Geburtenziffern aus Irland mit 16,5 Kinder auf 1.000 Frauen, aus Großbritannien (13 Kinder auf 1.000 Frauen) und aus Frankreich (12,8 Geburten auf 1.000 Frauen) gemeldet.

Bei der Lebenserwartung liegt Deutschland mit durchschnittlich 80 Jahren im Mittelfeld. Am ältesten werden die Südländer in Spanien und Italien mit 82 Jahren. Letten und Litauer sterben mit 73 Jahren wesentlich früher. (siehe Seiten 4 und 5)

Einheitliche Entwicklung

Auch wenn die Bevölkerungszahl in den 27-EU-Staaten im Jahr 2011 auf 502,5 Millionen Menschen wuchs und die Entwicklungen in den 27 EU-Staaten verschieden sind, gibt es einen einheitlichen demografischen Trend: Europa wird immer älter. Das Wachstum kommt dabei hauptsächlich durch Immigration von Menschen aus Nicht-EU-Staaten zustande.

Das hat die bereits seit langem bekannten Konsequenzen: Die demografischen Entwicklungen verändern die Strukturen in der Arbeitswelt, sie berühren das familiäre Zusammenleben, haben erheblichen Einfluss auf die Finanzierung des Staates und die Frage der gesellschaftlichen Lastenverteilung. Sie führen zudem zu starken Unterschieden in den einzelnen Regionen.

Im Oktober 2006 legte daher die Europäische Kommission einen Bericht über die demografische Zukunft Europas vor. Damals benannte sie fünf Handlungsfelder, in denen die Mitgliedsländer tätig werden sollten: Neben der demografischen Erneuerung, also familienpolitischen Fragen, sollten der Beschäftigungssektor, die Produktivität, die Integration von Migranten und die Zukunft der öffentlichen Finanzen untersucht werden. Schon damals wies die Kommission daraufhin, dass "die Bedürfnisse einer alternden Gesellschaft durch die Schaffung tragfähiger öffentlicher Haushalte erfüllt werden müsse".

Unbekannter Faktor Finanzkrise

Die Europäische Kommission geht davon aus, schreibt sie in ihrem Demografiebericht 2010, dass die demografische Entwicklung auch "einen starken Druck zur Erhöhung der öffentlichen Ausgaben" erzeuge. Welche Konsequenzen die derzeitige europäische Finanzkrise auf die sozialen Sicherungssysteme haben wird, ist heute noch nicht vorhersehbar. Für Jonathan Todd, Sprecher von EU-Beschäftigungskommissar László Andor, sind die enormen Kosten der Renten und Gesundheitsversorgung die größten Herausforderungen bei der Bewältigung des demografischen Wandels: "Es gibt immer mehr Menschen, die in Rente gehen und länger leben", sagt er. Für ihn liegt daher ein wichtiger Schlüssel für die Anpassung an die neuen demografischen Gegebenheiten auf dem Arbeitsmarkt: "Eine der möglichen Lösungen ist es, eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen zu fördern und alte Menschen zu motivieren, länger zu arbeiten."

Kein Königsweg

Entscheidend sei dabei aber nicht nur, wann jemand in Rente gehe, sagt Todd. Es sei genauso wichtig, den jeweiligen Arbeitsplatz an die Bedürfnisse älterer Menschen - beispielsweise durch Teilzeitmaßnahmen - anzupassen. Ein ermutigendes Beispiel für einen solchen Prozess könne man in Dänemark sehen. Aber, gibt Todd zu bedenken: "Die Kommission kennt nicht den Königsweg, all diese Probleme zu lösen." Was man aber tun könne, sei, die Diskussionen zwischen den Mitgliedstaaten zu unterstützen und nach der best practice suchen, "aber die konkreten Entscheidungen, die getroffen werden, liegen bei jedem einzelnen Mitgliedstaat", sagt Todd. Das zeigt auch das Dilemma der Europäischen Union: Sie weiß, welche großen Herausforderungen der Rückgang der europäischen Bevölkerungen bedeutet, in vielen Bereichen ist sie aber nur sehr beschränkt handlungsfähig. Denn die sozialen Sicherungssysteme liegen klar in der Kompetenz der Nationalstaaten. Die Union kann daher kaum eigene europäische Akzente setzen. Das zeigt auch die Wachstumsstrategie "Europa 2020". Sie nennt zwar konkrete Bereiche, mit denen demografischer Wandel und Wirtschaftswachstum miteinander vereinbart werden sollen. Handlungsempfehlungen für einzelen Länder findet man dort aber nicht. Vorschläge wie die Integration von Migranten und die Vereinbarkeit von bezahlter Arbeit und familiären Verpflichtungen zu fördern, finden sich genauso auch in der Demografiestrategie des Bundesinnenministeriums "Jedes Alter zählt" (siehe Seite 6).

Inzwischen haben die Senioren in Bad Saarow ihren "Europamillionär" gekürt und Peter Wolf verteilt die Preise: Schirme, Skatkarten und Bionudeln mit dem Europazeichen. "Aktives Altern ist mit körperlicher und geistiger Bewegung verbunden", sagt Wolf. Aber noch wichtiger ist für ihn: "Europa ist mehr als die Krise - man kann darüber auch lachen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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