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Ursula Weidenfeld
Falsch gestreut

Auf die Frage, ob es hierzulande mehr politischer Bildung bedarf, antworten gute Staatsbürger mit "Ja!". Mehr politische Bildung ist immer gut, meinen sie, weil es ja so viele Leute gibt, die nicht wählen gehen, sich abgehängt fühlen und irgendwann möglicherweise - Gott bewahre - rechtsradikal werden.

Gute Staatsbürger sollten sich diesen Reflex zugunsten der politischen Bildung abtrainieren. Es fehlt nicht an politischer Bildung in Deutschland - sie erreicht nur die Falschen. Mehr als 30 Millionen Euro verteilt die Bundeszentrale für politische Bildung im Dienste der Demokratie, die Stiftungen der Parteien haben fast 100 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung. Die Politik-Etats der privaten Stiftungen dürften das noch einmal übertreffen. Nicht mitgerechnet werden zudem Geschichts- und Politikunterricht an den Schulen, die staatsbürgerliche Erziehung bei der Bundeswehr.

Aber: Im Geschichts- und Politikunterricht melden sich die Schüler, die das Fach ohnehin interessiert. Sie sind es, die später zu den Schülerseminaren der politischen Bildungsinstitute geschickt werden. Im jungen Erwachsenenalter profitieren sie dann von den Studienförderwerken der Parteien, Kirchen und Begabtenstiftungen. Meist studieren sie dann schon Jura, Politik- oder Sozialwissenschaften. Wenn sie dann älter werden, gibt es Tageskonferenzen, bei denen sogar ein warmes Essen und ein Glas Wein serviert werden.

Das ist alles gut und richtig - und es gibt viele Ausnahmen, das soll hier ausdrücklich erwähnt werden. Doch im Großen und Ganzen werden die katholisch gemacht, die schon katholisch sind.

Brauchen wir noch mehr davon? Nein. Die Geschichte der politischen Bildung in Deutschland ist eine der Fehlstreuung, keine des Geldmangels.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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