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Brauchen wir mehr politische Bildung?
Kai Beller
Fehlender Kompass

Viele Jugendliche können nicht zwischen Demokratie und Diktatur unterscheiden. Mit dieser Erkenntnis konfrontierte der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin Ende Juni die Öffentlichkeit. Die Studie förderte erschreckende Wissenslücken bei Schülern zutage. Knapp 40 Prozent konnten nicht charakteristische Merkmale von Diktaturen und Demokratien auseinanderhalten. Jeder zehnte äußerte gar Sympathie für die Nazidiktatur.

Zwar stehen bei der großen Mehrheit freiheitliche und liberale Ideen hoch im Kurs. Die Jugendlichen konnten aber nicht erkennen, wann diese Werte bedroht sind. Die Befunde lassen den Schluss zu, dass vielen der Kompass für die Einschätzung politischer und zeitgeschichtlicher Vorgänge fehlt. Kein Wunder, dass so mancher empfänglich für radikale Rattenfänger ist.

Eine große Debatte über die Vermittlung demokratischer Werte im Unterricht löste die Studie nicht aus. Das ist schade, denn offenbar kommt die politische Bildung an den Schulen zu kurz. Hoch im Kurs stehen Naturwissenschaften und Technik, auch weil die Wirtschaft stets an den mangelnden Ingenieurnachwuchs erinnert. Das ist ihr gutes Recht, darf aber nicht zur Geringschätzung politischer Bildung führen. Gut ausgebildete Fachkräfte sind nötig, sollten aber keine politischen Analphabeten sein.

Sozial-, Gemeinschaftskunde, oder wie immer man das Fach auch nennen mag, braucht daher einen größeren Platz im Lehrplan. Von Menschen, die keine Ahnung von der Politik haben, kann man kein gesellschaftliches Engagement erwarten. Auch Demokratie will gelernt sein. Das ist mehr als die bloße Vermittlung von Fakten über das politische System und zeitgeschichtliche Ereignisse. Ohne Werteorientierung bleibt politische Bildung Stückwerk.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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