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Interview mit Carl-Christoph Schweitzer
Die Aufklärung über das Dritte Reich hat mit der Bundeszentrale begonnen

INTERVIEW Einer der ersten Referenten der Bundeszentrale, Carl-Christoph Schweitzer, über Ideenfindung, Provokation als Mittel zur Aufklärung und Grenzen der politischen Bildungsarbeit

Herr Professor Schweitzer, Sie haben die Anfänge der Bundeszentrale Anfang 1952 miterlebt und aktiv mitgestaltet. Was genau haben Sie damals gemacht?

Wir fingen schon elf Monate vor dem eigentlichen Gründungserlass des Bundesinnenministeriums mit der Arbeit an. Anfangs waren wir nur drei Leute: der Chef, Paul Franken, ein Jurist aus dem Bundesinnenministerium und ich. Als studierter Historiker war ich praktisch der einzige Sachreferent. Ich sollte Ideen entwickeln, wie die Bundeszentrale ihre Aufgaben inhaltlich umsetzen kann.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir arbeiteten in den ersten zwei Jahren in einem kleinen Häuschen in Bad Godesberg bei Bonn. Paul Franken und ich führten intensive Gespräche, um Projekte anzukurbeln. Franken hatte als Erziehungswissenschaftler aber fast ausschließlich die pädagogische Seite im Blick. Er wollte vor allem in den Schulen Aufklärung betreiben.

Das reichte Ihnen nicht?

Auch ich war zunächst vorrangig zuständig dafür, dass alle westdeutschen Schulen mit Materialien über das Dritte Reich versorgt wurden. Zum Beispiel haben wir ihnen die erste Hitler-Biografie des englischen Historikers Alan Bullock "geschenkt". Außerdem haben wir die "Informationen zur politischen Bildung", die es bis heute gibt, ins Leben gerufen. Sie wurden damals schon in einer Auflage von etwa 200.000 Exemplaren vierwöchentlich gedruckt und an Lehrer in den Schulen verteilt. Ich habe Paul Franken dann aber immer mehr dazu gedrängt, die politische Bildungsarbeit auch auf andere Bereiche auszuweiten, die Bevölkerung als Ganzes anzusprechen. Er hat mir dabei glücklicherweise freie Hand gelassen.

Welche Ideen hatten Sie?

Wir haben zum Beispiel zusammen mit einem von vielen freien Mitarbeitern eine Serie von vier kurzen "Mecki-Filmen" produziert. Sie liefen bis 1957 vor der Wochenschau in den Kinos. Mecki, eine damals sehr beliebte Igelfigur, rief etwa 1953 zur Teilnahme an der Bundestagswahl auf oder warb für die Europäische Integration.

Sie haben 1953 auch eine nicht unumstrittene Broschüre drucken und in allen D-Zügen auslegen lassen.

Ja, Überschrift war "Die Kunst der Verführung". Auf dem Titel war eine junge Frau abgebildet mit einem für damalige Verhältnisse recht tiefen Dekolleté. Das hat die katholische Kirche als anstößig empfunden. Ein Bischof hat offiziell Protest eingelegt. Ich wollte damit natürlich Aufmerksamkeit erregen, denn mein Ziel war es, dass die Leute das Heft lesen! Darin haben wir nämlich die Demagogie in der Weltgeschichte angeprangert - von Marcus Antonius über Joseph Goebbels bis hin zu Propagandisten à la Karl-Eduard von Schnitzler.

Viele Ihrer Ideen machen bis heute das "Kerngeschäft" der Bundeszentrale aus, etwa geförderte Kongresse, Tagungen oder die Herausgabe von Publikationen.

Richtig. Die Bundeszentrale hat zum Beispiel früh Bücher über das Dritte Reich und später auch über den Kommunismus subventioniert. Die Verleger waren froh, dass die Bundeszentrale durch eine Garantieabnahme einen großen Teil der Auflagen sicherte. Die ersten eigenen Tagungen haben wir Mitte 1952 in Bonn organisiert mit Max Horkheimer als Hauptreferenten über die Ursprünge des Antisemitismus und den Holocaust. Wir haben den evangelischen und katholischen, später auch den gewerkschaftlichen Akademien, angeboten: Wenn Ihr zu Themen wie der Stärkung der Demokratie und des europäischen Gedankens sowie des Dritten Reiches Tagungen veranstaltet, können wir diese finanziell unterstützen.

Sind Sie mit Ihrer Arbeit auch mal an Grenzen gestoßen?

Ja, das zeigte sich besonders in den Schulen. Viele der Lehrer, die damals lehrten, waren schon in der Nazizeit Lehrer gewesen. Ihnen fiel es wahrscheinlich schwer, den Schülern zu sagen, dass dieses System verbrecherisch gewesen war. So haben sie die Aufklärung sicherlich oft verhindert.

Sie waren auch an den ersten Ausgaben von "Das Parlament" beteiligt. Wie kam es dazu?

Die Zeitung, die ja schon einige Monate vor Gründung der Bundeszentrale durch eine Initiative des Innenministeriums entstanden war, wurde bald in unsere Regie überführt. Anfangs sind Paul Franken und ich immer zur Druckerei von "Das Parlament" gefahren, haben die Zeitungsfahnen Seite für Seite durchgesehen und entschieden, ob sie so freigegeben werden können. Das war besonders für Franken, der ein eher ängstlicher Mensch war, kein leichtes Unterfangen. Es ging ja bei der Zeitung wie auch bei der Bundeszentrale von Anfang an um überparteilich korrekte Darstellungen.

Sie waren im Juli 1952 auch verantwortlich für die erste Sonderausgabe der Zeitung über die Widerstandsbewegung des 20. Juli 1944. Warum dieses Thema?

Wir wollten nachträglich klar machen, wie ehrenvoll und mutig das Handeln dieser Menschen gewesen war. Die Mehrheit der Deutschen hatte ja zu viel Angst, um im NS-Terrorregime Widerstand zu leisten. Ein Vierteljahr Jahr lang habe ich intensiv an den 32 Seiten gearbeitet, persönlich alle Angehörigen und Überlebenden angeschrieben. So entstand die erste amtliche Dokumention dazu nach dem Krieg. Die Ausgabe ist später erweitert und in Buchform veröffentlicht worden.

Wie blicken Sie heute auf die bisherige Arbeit der Bundeszentrale?

Sie hat in den vergangenen 60 Jahren eine enorme Leistung erbracht im Hinblick auf die Festigung der Demokratie und des europäischen Gedankens. Tatsache ist, dass die Aufklärung des deutschen Volkes über das Dritte Reich mit der Entstehung der Bundeszentrale begonnen hat. Wenn die 68er das immer für sich beanspruchen, ist das absoluter Unsinn.

Das Interview führte Johanna Metz.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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