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Jörg Biallas
Es geht um Menschlichkeit

VON JÖRG BIALLAS

Das Geschäft mit der Gesundheit ist längst ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor geworden. Obwohl es nicht so sein sollte, kollidiert die Pflicht der Ärzte, Patienten möglichst effektiv zu helfen, mit ökonomischen Zwängen. Im Praxisbetrieb niedergelassener Mediziner oder in den Krankenhäusern engen finanzielle Vorgaben Intensität und Qualität der Behandlung ein.

Seitdem etwa in Kliniken nicht mehr nach Tagessätzen, sondern nach Fallpauschalen abgerechnet wird, haben sich die Krankenhausaufenthalte deutlich verkürzt. Auf den ersten Blick scheint das im Sinne der Kranken zu sein. Bei genauerer Betrachtung wird allerdings offenbar, dass - vor allem ältere - Patienten gar nicht so selten zu früh nach Hause geschickt werden. Wenn der Verlauf der Genesung die Vorgabe der ökonomischen Kalkulation verpasst, hat der Patient ein Problem. Beruhigend ist das nicht.

Pauschale Schuldzuweisungen sind dennoch fehl am Platze. Rasanter technischer Fortschritt in der medizinischen Versorgung hat den unschönen, aber nachvollziehbaren Nebeneffekt, dass die Kosten stetig steigen. Gleichzeitig verteilt sich die Last der Solidargemeinschaft in einer alternden Gesellschaft auf immer weniger Schultern. Dafür sind weder Krankenkassen noch Kliniken noch Ärzte allein verantwortlich zu machen. Aber natürlich dürfen nicht ausgerechnet die Patienten die Leidtragenden der Kostenentwicklung sein.

Vor diesem Hintergrund war es hilfreich, dass der Bundestag in der vergangenen Woche ausführlich über Patientenrechte diskutiert hat. In erster Linie ging es darum, die in unterschiedlichen Rechtsbereichen angesiedelten Vorschriften zu bündeln. Das gestaltet das Thema deutlich übersichtlicher und macht es für Betroffene besser handhabbar. So könnte beispielsweise das doppelte Leid, neben einer Krankheit auch noch die Folgen fehlerhafter Behandlung mit möglicherweise irreparabelen Schäden ertragen zu müssen, in Zukunft effektiver gelindert werden.

Das Parlament hat dem mündigen, selbstbewussten Patienten unter die Arme gegriffen. Damit ist auch unterstrichen: Krankheit ist ein Schicksal, mit dem der Einzelne von der Allgemeinheit nicht allein gelassen werden darf. Es geht also zuvorderst um Menschlichkeit, trotz oder gerade wegen der enormen wirtschaftlichen Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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