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dpa/ahe
Klitschko kämpft sich auf den zweiten Platz

UKRAINE Die Partei des Box-Weltmeisters sammelt im Parlamentswahlkampf Stimmen gegen Janukowitschs Lager

Seine berühmten Fäuste schwingt Boxweltmeister Vitali Klitschko nun im ukrainischen Wahlkampf. Mit harten Worten kritisiert der 41-Jährige ein Klima der Einschüchterung in der Ex-Sowjetrepublik. Schuld daran sei Präsident Viktor Janukowitsch, attackiert er den politischen Gegner.

Klitschko bringt zu Auftritten seiner Partei "Udar" ("Schlag") oft Tausende Zuhörer zusammen. An diesem Herbsttag stehen vier Kundgebungen an, der Höhepunkt soll abends in der Gebietshauptstadt steigen. Meist erhält er Applaus, manchmal wollen die Leute nur ein gemeinsames Foto mit ihrem berühmten Landsmann. "Ich kämpfe für eine demokratische Ukraine", betont Klitschko bei jedem Auftritt. Vor der Parlamentswahl am 28. Oktober liegt "Udar" in einer Umfrage der Stiftung "Demokratische Initiativen" mit 16 Prozent auf dem zweiten Platz, gefolgt vom Bündnis "Vereinigte Opposition" (15 Prozent), dem auch die "Vaterlands-Partei" der inhaftierten früheren Ministerpräsidentin Julia Timoschenko angehört. Mit 23 Prozent hat die "Partei der Regionen" des Präsidenten Janukowitsch die Nase vorn.

Mit "fünf Schlägen" wolle er das Leben der 46 Millionen Ukrainer verbessern, sagt Klitschko in Schpola rund 200 Kilometer südlich von Kiew. "Wir brauchen Korruptionsbekämpfung, mehr Mitbestimmung für die Bürger, gleiche Chancen für alle, lokale Selbstverwaltung und europäische Lebensstandards", ruft der Udar-Vorsitzende den Zuhörern zu. Einige nicken, viele schauen skeptisch. Zu oft schon haben sie solch schöne Reden gehört, ohne dass sich ihr Leben verbesserte.

Klitschko spricht über die fehlenden Perspektiven der Jugend, die schlechte medizinische Versorgung und über Arbeitslosigkeit - ein zentrales Thema hier in Schpola. Viele der 18.000 Einwohner sind nach der Schließung der örtlichen Textil- und Brotfabriken erwerbslos. Klitschko spricht eine halbe Stunde, dann wandert das Mikrofon an die Menge. "Was machen Sie mit abtrünnigen Abgeordneten?", will eine Frau wissen. Der Kandidat schwingt demonstrativ seine Faust. "Sie können sich nicht vorstellen, was ich mit ihnen machen werde", sagt Klitschko. Die Menschen lachen.

Weiter geht es nach Smela, 50 Kilometer ostwärts. Ein Möbel- und ein Maschinenwerk sorgen in der Stadt mit 70.000 Einwohnern für ein bescheidenes Einkommen. Klitschko stellt den Udar-Direktkandidaten Andrej Kolesnik vor, doch der Ex-Bürgermeister ist nicht bei allen beliebt. Seine Gegner werfen ihm vor, beim Privatisieren der Energie und Wasserwirtschaft Verwandte bedacht zu haben. Klitschko verteidigt seinen Kandidaten, es hagelt kritische Fragen. Trotz vieler Zweifel gibt es in der Stadt auch klare Anhänger des Oppositionspolitikers. Tatjana Gerassimenko zum Beispiel will Udar wählen. Dass die Führung in Kiew das Rentenalter von 55 auf 60 Jahre anhebe, sei ein Skandal, sagt die 52-Jährige. Falls Klitschko an die Regierung komme, werde er dies ändern, da ist sie sicher.

Am Abend steht für Klitschko die letzte Veranstaltung des Tages in Tscherkassy an, einer 300.000-Einwohner-Stadt im Zentrum der Ukraine 150 Kilometer südöstlich von Kiew. Etwa 5.000 Menschen warten schon ungeduldig auf dem Theaterplatz. Eine Videoleinwand zeigt Szenen von Boxkämpfen des Kandidaten, Trommler auf der Bühne heizen die Stimmung an, rote Udar-Fahnen dominieren den Veranstaltungsort. Jeder Teil seiner Rede wird mit Applaus bedacht.

Junge Wähler

Klitschko hat das mehrheitlich junge Publikum offenbar überzeugt. Wladimir Jurtschenko wird ihn "auf jedem Fall" wählen. "Alles muss anders werden, so kann man nicht mehr leben", sagt der 35-jährige Systemadministrator. Die 23-jährige Viktoria Dantschuk hofft als Alleinerziehende auf ein Ende der Korruption. "Überall muss ich Bestechungsgeld zahlen - im Kindergarten, in der Schule, sogar auf der Entbindungsstation", klagt sie.

Klitschkos Wahlkampfteam fährt unterdessen weiter. Rund 600 Kilometer hat der Sportler heute absolviert. Wenn am 28. Oktober im zweitgrößten Flächenstaat Europas die Wahllokale öffnen, wird er im Kampf um Stimmen mehr als 30.000 Kilometer zurückgelegt haben.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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