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Sabine Muscat
Knappes Rennen um die Mitte

US-WAHL Herausforderer Mitt Romney geht mit Rückenwind in den Endspurt gegen Präsident Barack Obama

Die Debatten sind vorbei, der US-Wahlkampf geht in den Endspurt. Sicher ist neun Tage vor der Wahl nur eines: Es wird knapp für Barack Obama, so knapp, dass Beobachter schon eine Wiederholung des Nervenkrieges aus dem Jahr 2000 fürchten, als der Sieger lange nicht feststand. Kurz vor der Entscheidung geht es darum, bei wem das "Momentum" liegt - der Schwung. Den größeren Schwung hatte zuletzt der Republikaner Mitt Romney. Am 6. November wird die Frage lauten, ob dieser Schwung für einen Sieg gegen den Amtsinhaber Obama reicht.

Der Einfluss, den die Fernsehdebatten der Kandidaten auf die Wähler haben, ist umstritten. In Romneys Fall lässt sich kaum verneinen, dass das erste Rededuell Anfang Oktober für ihn die Wende brachte. Es war seine Chance, vor 67 Millionen Zuschauern das Bild zu ändern, das die Obama-Kampagne in der Öffentlichkeit von ihm gezeichnet hatte: das eines herzlosen Finanzinvestors und verbohrten Konservativen. Romney hatte seinen Teil getan, das Bild zu zementieren, etwa als er 47 Prozent der Amerikaner in einem heimlich gefilmten Dinner mit Spendern zu Sozialstaatschmarotzern erklärte. In der Debatte war Romney präsent und kompetent, im Gegensatz zu Obama, der einen schwachen Auftritt hatte. Und er vollzog den überfälligen Schwenk in die politische Mitte, den er aus Rücksicht auf die eigene Basis aufgeschoben hatte. In den nächsten beiden Debatten machte der Präsident verlorenen Boden gut und drängte den Gegner argumentativ in die Enge. Beide Male erklärten die Zuschauer Obama hinterher zum knappen Sieger.

In den Wahlumfragen nützte ihm das jedoch nicht viel. Romney schien bei seinem ersten starken Auftritt das geliefert zu haben, wonach unentschiedene Wähler in ökonomisch unsicheren Zeiten suchen: eine seriöse Alternative. "Wir bringen diese Wirtschaft wieder zum Kochen!", rief er am vergangenen Mittwoch in Nevada, einem der rund zehn "Swing States", in denen die Wahl entschieden wird. Auch Iowa nahm er noch mit, um am Freitag wieder in Ohio zu sein, einem Staat, in den beide Kandidaten sehr viel Zeit investieren. Nevada und Iowa stellen jeweils nur sechs der 538 Wahlmänner, die am Ende den Präsidenten wählen. Die großen Preise sind die 29 Stimmen aus Florida und die 18 aus Ohio.

Wackliger Vorsprung

In einigen Umfragen sind mittlerweile sogar die 20 Stimmen aus Pennsylvania im Spiel, das bisher relativ klar den Demokraten zuneigte. Auch wenn Beobachter zuletzt nicht von einem Romney-Sieg dort ausgingen - die Tatsache, dass der Gegner seine Karte womöglich erweitert, ist ein Warnsignal für Obama. Der Präsident stürzte sich Ende vergangener Woche in einen wahren Wahlkampf-Marathon. In nur 40 Stunden klapperte er sieben Staaten ab. "Wir legen eine Nachtschicht ein. Kein Schlaf", sagte er nach seiner Ankunft in Iowa.

In der Zwischenzeit bemühte sich die Obama-Kampagne, seine Vision für eine zweite Amtszeit mit Leben zu füllen. Seine Wahlkampfmacher druckten 3,5 Millionen Exemplare eines 20-seitigen Wahlkampfbüchleins, in dem es um den Plan des Präsidenten für Jobsicherheit der Mittelklasse geht. Der Zeitung "Des Moines Register" in Iowa sagte Obama, er sei zuversichtlich, dass nach der Wahl ein "großer Deal" mit den Republikanern im Kongress zur Reduzierung des Haushaltsdefizites möglich sei.

Als weitere Chance für Kooperation nannte er eine Einwanderungsreform. "Sollte ich eine zweite Amtszeit gewinnen, wird ein wichtiger Grund dafür sein, dass sich der republikanische Kandidat und seine Partei und die am schnellsten wachsende Gruppe im Land so entfremdet haben: die Latino-Gemeinde." Die Republikaner, die zuletzt eine harte Linie beim Thema Einwanderung vertreten hatten, wüssten, dass diese Position ihnen auf Dauer schade.

Obama müsste im Falle eines Sieges weiter mit einem geteilten Kongress regieren, der in Teilen ebenfalls am 6. November neu gewählt wird. Selbst wenn die Demokraten im Repräsentantenhaus ein paar Sitze zurückgewinnen sollten, rechnet niemand damit, dass sie dort nach dem republikanischen Erdrutschsieg 2010 die Mehrheit zurückerobern. Rechnerisch wahrscheinlicher, wenn auch sehr schwierig, ist es für die Republikaner, den Demokraten die Kontrolle im 100-köpfigen Senat abzunehmen. Derzeit liegen die Kandidaten um zehn Senatssitze Kopf an Kopf, und Romneys jüngster Schwung könnte dem einen oder anderen Parteikollegen helfen.

Die zarten Hoffnungen auf einen republikanischen Durchmarsch im Senat wurden allerdings gebremst: Eine Bemerkung des rechtskonservative Kandidaten Richard Mourdock in Indiana, Frauen müssten eine Schwangerschaft nach einer Vergewaltigung als "von Gott gewollt" akzeptieren, scheint nicht dazu geeignet, unentschiedene weibliche Wähler zu überzeugen. Auch für Romney kam der Querschläger von rechts außen zu einem schlechten Zeitpunkt. Denn die Wahl am 6. November wird in der politischen Mitte entschieden.

Die Autorin ist USA-Korrespondentin der "Financial Times Deutschland".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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