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AUFGEKEHRT
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Romantische Demokratie

Ein Liebesschloss. Nein, nicht das Taj Mahal ist gemeint. In Zeiten der Wirtschaftskrise ist ein Liebesschloss ein Vorhängeschloss. Verliebte schreiben ihre Namen darauf und hängen es dann an ein Brückengeländer. Den Namen mit einem Herz verziert in Bäume schnitzen, das war gestern. Man könnte meinen, Vorhängeschlösser sind das neue Graffitti. Das wäre gut, denn sie lassen sich viel leichter entfernen. Und das werden sie sicher auch. Denn in wirtschaftlichen Krisenzeiten ist Metall harte Währung. So hart, dass das Klauen von Bahnschienen schon fast zum Volkssport avanciert. Dennoch sind mancherorts vor lauter Schlössern die Brückengeländer gar nicht mehr zu erkennen. Ein lukrativer Trend für Alltmetalldiebe - und Schlosser. Sie haben längst den Trend erkannt. Bei jedem noch so kleinen Schlüsselmacher gibt es jetzt spezielle Liebesschlösser mit Gravur in Rot oder Rose. Schön kitschig. Womit wieder einmal bewiesen wäre, dass Liebe blind macht.

Woher der Schlösser-Brauch kommt, ist nicht geklärt, wahrscheinlich aus Italien. Jetzt ist er Trend. Und zwar so sehr, dass er vielerorts bereits verboten wird. Zum Beispiel in Berlin. Vielleicht wird er erst deshalb interessant. Guerilla-Liebensschloss-Anbringen. Ein Zeichen von Protest. Oder Romantik pur.

"Jetzt fangen die hier auch schon an mit den Schlössern", ruft ein aufmerksamer Beobachter einer lustigen Altherrengruppe aus dem Rheinland. Und tatsächlich: Die ersten vier Liebesschlösser glänzen in der Spätherbstsonne am Geländer der Marschallbrücke. Sie führt in Berlin Mitte über die Spree, direkt am Bundestag. Von hier aus hat man einen fabelhaften Blick auf das Reichstagsgebäude.

Und ausgerechnet hier - im Herzen der Demokratie und dem strikten Verbot zum Trotz - haben sich vier Liebespaare getraut, ihre Schlösser anzubringen. Demokratie ist eben echt romantisch.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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