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Jörg Biallas
Alle sind behindert

VON JÖRG BIALLAS

Ein Bundesfinanzminister im Rollstuhl? Eine Ministerpräsidentin, die an Multipler Sklerose erkrankt ist? Ja, geht das denn?

Es ist noch nicht lange her, da hätte die deutsche Öffentlichkeit diese Fragen mit Nein beantwortet - zumindest hinter vorgehaltener Hand. Inzwischen hat Wolfgang Schäuble mit seiner Willenskraft eindrucksvoll bewiesen, dass eine Behinderung kein Grund ist, ein Spitzenamt in der Politik abzulehnen. Und die bemerkenswerte Offenheit, mit der die designierte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, über ihre Nervenkrankheit spricht, ist gewiss dazu angetan, die Eignung für das ihr angetragene Amt nicht wegen gesundheitlicher Einschränkungen in Frage zu stellen.

Diese beiden Beispiele ließen sich durch zahlreiche weitere, weniger prominente Schicksale ergänzen. Also alles in Ordnung beim Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung?

Keineswegs. Noch immer ist Behinderung nicht frei von Diskriminierung, etwa in der Ausbildung oder am Arbeitsplatz. Betroffene müssen sich nach wie vor in einer Welt behaupten, die vielfach von Vorurteilen geprägt ist. Unwissenheit führt zu Gleichgültigkeit, gar Ablehnung. Ein ohnehin mit Hindernissen gespicktes Alltagsleben wird zusätzlich belastet und im schlimmsten Fall nachvollziehbar als unwürdig empfunden.

Auch darüber wurde in der vergangenen Woche gesprochen, als fast 300 Teilnehmer aus dem gesamten Bundesgebiet zur Veranstaltung "Menschen mit Behinderung im Deutschen Bundestag" gekommen waren. Einige davon stellt "Das Parlament" in dieser Ausgabe vor. Die kurzen Porträts zeigen, wie vielschichtig die Probleme sind, die auf Einladung der Bundestagsfraktionen zwei Tage lang in zahlreichen Arbeitsgruppen detailliert diskutiert worden sind. Am Ende stand fest: Es lohnt sich, alle wesentlichen Politikfelder aus der Perspektive von Menschen mit Behinderung zu betrachten. Nur so können die Defizite erkannt und verbessert werden.

Letztlich geht es darum, das Anderssein als gleichberechtigt zu akzeptieren. Aber wie anders sind Menschen mit Behinderung tatsächlich? Rollstuhlfahrer Wolfgang Schäuble hat das in einem Zeitungsinterview so formuliert: "Alle Menschen sind behindert - aber wir wissen es wenigstens."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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