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AUFGEKEHRT
Alexander Weinlein
Die Macht des Sackhüpfens

Ganz gleich, ob wir über den Wahlsieg von Barack Obama jubeln oder uns zum Weinen ins stille Kämmerlein zurückziehen, einmal mehr hat die angeschlagene Weltmacht jenseits des Atlantiks bewiesen, dass Politik den großen Show-Down liefern kann. Hollywood-Größen wie Steven Spielberg, Woody Allen oder Ridley Scott hätten die Präsidentschaftswahl kaum spannender inszenieren können. Klar, die Wahl des vermeintlich mächtigsten Manns der Erde hat per se mehr Sexappeal als die erste Lesung des Gemeinnützigkeitsentbürokratisierungsgesetzes im Bundestag. Aber wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir uns einfach eingestehen, dass wir den Amis in Sachen Blockbuster-Kino nicht das Wasser reichen können. Es ist eben etwas anderes, ob die First Lady auf den Fluren des Weißen Hauses sich ein Sackhüpfen-Rennen liefert, als wenn Markus Lanz dies bei "Wetten dass...?" tut. Wie lästerte US-Schauspieler Tom Hanks so schön? "Na, wenn das mal kein Hochqualitätsfernsehen ist." Und deswegen durfte Lanz zusammen mit Bettina Schausten im ZDF dann ja auch direkt die lange Wahlnacht eröffnen. Um die Spannung noch ein bisschen anzuheizen - nach den Kriterien des deutschen Hochqualitätsfernsehens. Zum Beispiel mit Bildern der sackhüpfenden Michelle Obama im Weißen Haus. Wahlkampf kann manchmal auch ein bisschen "dümmlich" sein, räumte ihr Gatte nach seinem Sieg ein. Stimmt, Wahlsendungen aber auch.

Vielleicht hätte Lanz in der vergangenen Woche besser eine mehrtägige Begleitsendung zum chinesischen Volkskongress in Peking moderieren sollen. Da war in Sachen Spannung auf jeden Fall noch Luft nach oben. Und den kommunistischen Kadern, die stets diese humorfreie Diktatoren-Mimik zur Schau tragen, könnte ein bisschen Sackhüpfen auf dem Platz des Himmlischen Friedens ja auch ganz gut tun.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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