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ORTSTERMIN: DAS W-FORUM IM BUNDESTAG
Verena Renneberg
Die Logik einer Show ist nicht die Logik der Politik

Im Gegensatz zu politischen Talkshows sei Politik "ernst, langsam und grau", sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Grau war auch dieser erste Novembertag: Es schien, als wolle das Wetter mit Nachdruck die düstere Jahreszeit einläuten. Der Blick nach draußen in den wolkenverhangenen Himmel ließ kaum Rückschlüsse auf die Uhrzeit zu: 17 Uhr vielleicht? Nein, es war gerade einmal elf Uhr - vormittags.

Drinnen, in einem Sitzungssaal des Bundestags im Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses, ging es allerdings alles andere als farblos zu: "Politische Talkshows - Information oder Inszenierung" lautete der Titel des Streitgesprächs, das Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) an diesem Morgen mit ARD-Chefredakteur Thomas Baumann führte. Und im Zentrum stand die bunte Welt der Talkshows im "Ersten": Montags "hart aber fair" mit Frank Plasberg, dienstags "Menschen bei Maischberger" mit Sandra Maischberger, mittwochs "Anne Will" mit Anne Will, donnerstags "Beckmann" mit Reinhold Beckmann und "Günther Jauch" mit Günther Jauch am Sonntag: Dass diese Dosis zu hoch ist, befand kürzlich sogar der ARD-Programmbeirat. Es gebe Defizite bei der Themen- und Gästeauswahl. Ähnliche Kritik haben Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Bundestagsvizepräsident Thierse schon oft geäußert. Gründe genug also für eine Veranstaltung des "W-Forums", zu der die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags in loser Folge einladen.

Ulrich Schöler, Leiter der Abteilung "Wissenschaft und Außenbeziehungen", moderierte das Streitgespräch. Die Positionen waren klar verteilt. ARD-Mann Baumann wies den Vorwurf der Inszenierung mit Vehemenz zurück. Er gab zu bedenken, dass Redaktionen Themen eben verständlich aufbereiten müssten: "Wir wollen als öffentlich-rechtlicher Sender mit politischer Information möglichst alle erreichen, nicht nur politisch Interessierte", so rechtfertigte Baumann den Zugang des "Ersten". Gerade solch ein Zugang, widersprach Thierse, würde zu "Polarisierung und Skandalisierung" führen. Die Logik einer Show sei nicht die Logik der Politik. Der Bundestagsvizepräsident kritisierte, dass neben den Nachrichten politische Talkshows mittlerweile zentral für die Vermittlung politischer Informationen geworden seien.

Eingehend setzte sich Thierse auch mit dem Claim der Sendung "hart aber fair" auseinander: "Wenn Politik auf Wirklichkeit trifft". Thierse ortete hier "Arroganz" und die Inszenierung einer "Zwei-Welten-Lehre". Es würde der Anschein erweckt, Fernsehen stehe für Wirklichkeit und Politik für "Ahnungslosigkeit, Lüge und Lebensfremdheit".

Mehr als eineinhalb Stunden verfolgte das Publikum gespannt die Argumente des Journalisten und des Politikers. Das Wetter änderte sich nicht. Im Gegensatz zum Streitgespräch blieb es grau. Zwar änderten sich auch die Positionen Baumanns und Thierses nicht. Doch fand die Diskussion durchgehend in einer respektvollen Atmosphäre statt. Am Ende stand sogar Verständnis für die Auffassungen und Positionen des jeweils anderen. In poltischen Talkshows ist das bekanntlich eher selten.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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