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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Kristin Helberg war die erste westliche Journalistin, die in Syrien eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung und Akkreditierung erhielt. Von 2001 bis 2008 berichtete sie aus Damaskus für ARD, ORF und DRS. Über diese Zeit hat sie jetzt ein großartiges Buch vorgelegt. Sie beschreibt den Alltag der Syrer und ihre Bräuche, berichtet aber auch über Konfessionsstreitigkeiten und Religionsfrieden, sozialistische Planwirtschaft und unsoziale Realitäten im Land. Obwohl sie zu Beginn ihrer Zeit in Syrien nur "Damaszener Gossenarabisch" sprach, fühlte sich die Journalistin schnell heimisch. Als im April 2011 der Arabische Frühling auch Syrien erreichte, wurde die mittlerweile mit einem Einheimischen verheiratete Mutter zweier Kinder abgeschoben - trotz ihres gültigen Visums.

Obwohl die Journalistin große Sympathien für die syrische Gesellschaft empfindet, hält sie sich mit Bewertungen zurück, um sich nicht den Vorwurf der Subjektivität einzuhandeln. Tatsächlich gelingt es ihr, die Revolution und den blutigen Bürgerkrieg überzeugend zu beschreiben und zu analysieren: als einen dezentralen, führungslosen Aufstand, entstanden in der Mitte des Volkes. Mit einer starken Militärmacht im Rücken habe das Regime die Spirale der Gewalt in Gang gesetzt und die schwache Opposition bewusst in den bewaffneten Kampf getrieben. Anstatt über eine Intervention zu diskutieren, sollte die Nato die Opposition lieber auf die Machtübernahme vorbereiten, meint Helberg.

Daneben erläutert die Autorin die politischen Ziele des Assad-Regimes in der Region. Obwohl Syrien mit der Forderung nach Rückgabe der von Israel besetzten Territorien durchaus legitime Interesen vertrete, habe der Westen den vermeintlichen "Schurkenstaat" nicht unterstützt. Gleichwohl habe man die Familie Assad hofiert.

Kristin Helberg hat es geschafft, die Menschen in der Region den Vordergrund zu rücken. Und sie verzichtet auf Klischees und politisierte Freund-Feind-Bilder. Schon deshalb sind ihrem Buch viele Leser zu wünschen.

Kristin Helberg:

Brennpunkt Syrien. Einblick in ein verschlossenes Land.

Herder Verlag, Freiburg 2012; 272 S., 9,99 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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