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Editorial
Der Rap vom D-Day

VON JÖRG BIALLAS

Im Lichte der Wiederwahl Barack Obamas zum US-Präsidenten hat der Deutsche Bundestag in der vergangenen Woche über die transatlantischen Beziehungen diskutiert. Auch wenn der SPD-Antrag, der dieser Debatte zugrunde lag, abgelehnt wurde, ist im Plenum eines deutlich geworden: Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika sind nach wie vor ein fester Anker in der deutschen und europäischen Politik.

Das ist nicht selbstverständlich. Wie jede zwischenmenschliche Beziehung bedarf auch das Verhältnis zweier Staaten zueinander der Pflege. Regelmäßige Treffen von Parlamentariern und Regierungsvertretern sind dabei ebenso wichtig wie der Austausch von Schülern und Studenten oder die Förderung wirtschaftlicher Kontakte.

All das geschieht mannigfach. Gut so. Und dennoch ist diesseits und jenseits des Atlantiks Entfremdung wahrnehmbar. In den USA haben sich die außenpolitischen Schauplätze verlagert. Der Fokus der amerikanischen Aufmerksamkeit hat sich längst von Europa ab- und dem pazifischen Raum zugewandt. Dort müssen sich die Vereinigten Staaten wirtschaftlich und militärstrategisch so aufstellen, dass sie bleiben, was sie sind: eine Supermacht.

In Europa hingegen ist das Faible für alles Amerikanische vielfach der Gleichgültigkeit anheimgefallen. Aus unterschiedlichen Gründen, auch in Deutschland. In den neuen Bundesländern hat die ideologisch motivierte Ablehnung der USA in DDR-Zeiten zumindest bei den Älteren bis heute unterschwellig Spuren hinterlassen. Gleichzeitig ist die fordernde Begeisterung der Wende-Generation für Amerika inzwischen weitgehend gestillt.

Die alte Bundesrepublik lebt längst mit der Erkenntnis, dass die konsumfixierte Amerikanisierung der Nachkriegsjahrzehnte Kritik am US-System keineswegs ausschließt. Hier wie da ist die nachwachsende Generation zudem historisch bemerkenswert unbedarft. Wahrscheinlich würden erschreckend viele Jugendliche bei der Frage nach dem D-Day auf den Titel eines Rap-Songs tippen und den Marshallplan für ein Diätprogramm halten.

Trotzdem bleibt unumstößlich: In Europa waren die Amerikaner erst Kriegsgewinner, danach Aufbauhelfer und schließlich Freunde. Diese historische Entwicklung ist einzigartig und wertvoll genug, sich dankbar daran zu erinnern.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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