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Annette Sach
Rastloser Europäer: Pierre-Yves Le Borgn'

Es gibt Menschen, die sind einem vertraut, obwohl man sie noch nie gesehen hat. So ging es auch Pierre-Yves Le Borgn' mit den Schmitz - einer deutschen Familie aus Köln. Seit der junge Pierre-Yves mit zehn Jahren begann, Deutsch zu lernen, begleitete ihn die rheinische Familie aus seinem Französischbuch durchs Jahr und brachte ihm die deutsche Kultur, Mentalität und Sprache bei: "Ich hatte das Gefühl die Loreley Fünfzig mal besucht zu haben, bevor ich sie das erste Mal gesehen habe", erinnert sich Le Borgn'. Der heutige sozialistische Abgeordnete der französischen Nationalversammlung lebte damals in einem kleinen Ort in der Bretagne - 1.000 Kilometer entfernt von der deutschen Grenze. Auch wenn Deutschland geographisch weit weg war, hatte der Krieg zwischen beiden Ländern das Leben seiner Familie stark geprägt: "Einer meiner Großväter wurde im Krieg getötet, mein anderer war fünf Jahre lang Kriegsgefangener in der Nähe von Lüneburg", erzählt er. Es waren seine Großmütter, die sich schon früh für die deutsch-französische Versöhnung einsetzten, "weil sie nicht wollten, dass sich so etwas noch einmal wiederholt", sagt er.

Heute wären sie sicherlich stolz, wenn sie wüssten, wie sich ihr Enkel 50. Jahre nach dem Élysée-Vertrag für die deutsch-französischen Beziehungen einsetzt: Im Juni 2012 zog der 47-Jährige für die sozialistische Partei (PS) in die neugewählte Assemblée nationale ein. Dort engagiert er sich mit Verve für die europäische Verständigung - in doppelter Hinsicht: Zum einen arbeitet er für einen Wahlkreis, der in Deutschland so gar nicht existiert. Denn wenn Pierre Yves Le Borgn' seine Wähler besuchen möchte, muss er immer das Flugzeug benutzen. Sein Wahlkreis umfasst 16 Länder von Deutschland bis an die Grenze von Bulgarien - eine Fläche von rund 40 Prozent des europäischen Kontinents. Die dort lebenden Auslandsfranzosen sind mit einem eigenen Abgeordneten im französischen Parlament vertreten. Neben seiner Abgeordnetentätigkeit in Paris, wo er dienstags, mittwochs und donnerstags arbeitet, hat er ein Standbein in Köln. Mit seiner Familie wohnt Le Borgn' in Brüssel. Von dort aus besucht er einmal im Moment seine Wähler in Europa, um ihre Interessen in der Nationalversammlung zu vertreten.

Zum anderen widmet sich der Jurist und Politikwissenschaftler in der Assemblée nationale mit großer Leidenschaft einem anderen Schwerpunkt: der Fortentwicklung der deutsch-französischen Beziehungen. Gleich zu Beginn der Wahlperiode wurde er auf den renommierten Posten des Vorsitzenden der französisch-deutschen Parlamentariergruppe gewählt. "Deutschland ist mir intellektuell und emotional nahe", sagt er von sich selbst. Dafür spricht auch sein beruflicher Werdegang. Nach seinem Studium am Institut d'Etudes Politiques in Paris und dem Europakolleg in Brügge, war er als leitender Angestellter in einer Firma für Solarzellenpanele tätig und hat sowohl in Mainz als auch in Frankfurt/Oder gelebt. Nicht nur im Wirtschaftsleben, sondern auch bei den deutsch-französischen Beziehungen ist es ihm wichtig, Neues zu entwickeln. "Beide Länder haben Probleme, sich vom Gedanken der Erinnerung zu lösen", stellt er fest und spricht sich dafür aus, "dass wir die deutsch-französischen Beziehungen neu überdenken müssen". Dafür hat er ganz konkrete Ideen: Neben der Verbesserung der deutsch-französischen Berufsausbildung macht sich Le Borgn' vor allem für eine Harmonisierung des deutsch-französischen Familienrechts stark. Er schätzt, dass in Europa rund 300.000 Menschen in einem deutsch-französischen Umfeld leben. Die unterschiedlichen Rechtssysteme, ob bei der Heirat, der Scheidung oder in Sorgerechtsfragen, bringen viele Probleme. Über all das will der Franzose im Januar in Berlin mit seinen deutschen und französischen Kollegen anlässlich der Feierlichkeiten zum Élysée-Vertrag sprechen. "Es ist nicht nur ein Fest, um sich der bisherigen 50 Jahre zu erinnern, sondern auch darüber nachzudenken, was in den nächsten 50 Jahren kommen soll", sagte er. Eine solche Geschichte hätte er sich bei der Lektüre über die Familie Schmitz wohl nicht träumen lassen. as z

Aus Politik und Zeitgeschichte

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