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Annette Sach
Der Internationale: Andreas Schockenhoff

Als der Bundestag und die Assemblée nationale vor knapp einem Jahr im Januar 2013 den 50. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages in Berlin feierten, dürfte wohl kaum ein zweiter so viele Bekannte getroffen haben wie er: Andreas Schockenhoff. Der gebürtige Ludwigsburger ist seit fast 20 Jahren Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe und damit einer der besten Kenner des Nachbarlandes im deutschen Parlament. Durch ungezählte Treffen, Sitzungen und viele persönliche Begegnungen weiß er, welche Themen Deutsche und Franzosen verbinden, aber auch, wo sie aufgrund von Geschichte und Kultur anders "ticken". Bei den Treffen im Jahr 2014 dürfte sicherlich auch das Thema Erster Weltkrieg eine ganz besondere Rolle spielen. "Der Erste Weltkrieg, la Grande Guerre, hat das historische Bewusstsein der Franzosen stärker geprägt als bei uns", sagt Schockenhoff, der vor seinem Eintritt in den Bundestag 1990 in Ravensburg als Lehrer für Deutsch und Französisch an einem katholischen Gymnasium tätig war. Schockenhoff sieht im Ersten Weltkrieg den Beginn eines neuen Zeitalters: "Es gab auch früher in der Geschichte furchtbare Schlachten, aber keiner konnte sich dieses Ausmaß von Zerstörung, Gewalt und Opfern vorstellen, das den Krieg in fast jeder Familie unmittelbar erlebbar machte." Ihn persönlich hat jedoch noch mehr die Geschichte des Zweiten Weltkriegs geprägt. So hatte sein Vater als deutscher Soldat bei der Besetzung in Frankreich Freundschaft mit einer französischen Familie geschlossen, die den Krieg überdauerte und den jungen Andreas später oft nach Paris führte. "Mein Interesse an internationaler Politik hat sicherlich auch damit zu tun, dass es Freundschaften gibt, die ich als Kind in meiner Familie erlebt habe", sagt Schockenhoff, der selbst dreifacher Vater ist.

Für ihn ist das Wissen über die Geschichte der Nationalstaaten der Schlüssel für das Verstehen der Gegenwart. In den letzten 200 Jahren hätten diese immer wieder versucht, ihre Interessen durchzusetzen, in dem sie andere Staaten "dominieren, bezähmen oder klein halten" wollten. "Aus diesem Teufelskreis mit der Idee der Integration auszubrechen, ist die große Lehre, die wir Europäer aus unserer Geschichte gezogen haben", sagt Schockenhoff, der seit 2005 stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für die Bereiche Außen-, Verteidigungs- und Europapolitik ist. Zu seiner Arbeit gehöre auch, immer wieder "Europa" zu erklären. Aufgrund seiner Entwicklung gebe es dort "viel institutionellen Wildwuchs, was für die Bürger nicht immer verständlich ist", sagt er. Sobald man aber konkret werde und den Menschen anhand von Beispielen zeige, wie etwa durch Europa Arbeitsplätze entstünden, würden sie merken, dass es "keine Alternative gibt". Denn, sagt Schockenhoff: "Wir machen den Fehler, Europa zu sehr ängstlich zu verteidigen, anstatt die großen Linien anzusprechen und zu zeigen, wie sich die Welt im 21. Jahrhundert entwickelt."

Neben Frankreich gilt Schockenhoffs besonderes Interesse Russland. Seit 2006 ist er Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-russische zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit. Wer den Posten in der Großen Koalition bekommt, ist derzeit aber umstritten. Schockenhoff möchte das Amt gerne behalten. Erst Ende November flog er ins südrussische Krasnodar, um den Prozess gegen Michail Sawwa zu begleiten. Der Wissenschaftler war im April wegen angeblicher Unterschlagung von Fördermitteln verhaftet worden. Die Verhandlung wird nach zehn Minuten vertagt. "Michail Sawwa ist gar nicht ins Gerichtsgebäude gebracht worden", empört sich Schockenhoff auf seiner Facebook-Seite. Der profilierte Außenpolitiker der Union scheut bei seiner Arbeit keine deutlichen Worte. Das führte im vergangenen Jahr zu Verstimmungen mit Russland: Nachdem Schockenhoff unter anderem den Umgang der russischen Regierung mit Oppositionellen kritisiert hatte, zeigte sich Moskau verstimmt. Dennoch wurde auch auf seine Initiative hin ein fraktionsübergreifender Antrag verabschiedet, in dem die Regierung aufgefordert wurde, im Dialog mit Moskau verstärkt die Themen Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte anzusprechen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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