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Heinz Schulte
Misstrauen über den Wolken

LUFTFAHRT

Die Beziehung zwischen Paris und Berlin beim gemeinsamen Luft- und Raumfahrtunternehmen EADS ist nicht im Himmel geschlossen worden. Sie beruhte von Anfang an auf einer sorgfältig austarierten und argwöhnisch beäugten Machtbalance. Dieses Grundmuster liegt auch der neuen Eigentümer- und Aufsichtsstruktur der EADS zugrunde, die als Reaktion auf das Bestreben im Herbst 2012, die beiden führenden Luftfahrt- und Verteidigungs-Systemhäuser in Europa - EADS und BAE Systems - zusammenzuführen, Ende 2012 beschlossen worden ist. Gescheitert ist die Fusion am deutschen Veto, da man in Berlin das Gleichgewicht mit Frankreich - und damit letztlich deutsche Arbeitsplätze - in Frage gestellt sah. Künftig halten Paris und Berlin jeweils zwölf Prozent und Madrid vier Prozent an EADS. Damit liegt der Staatsanteil unterhalb von 30 Prozent. Die Parität zwischen Paris und Berlin bleibt gewahrt. Wichtig war beiden Seiten die Sicherung nationaler Interessen im Bereich der Wehrtechnik: So haben Deutsche keinen Einblick in EADS-Aktivitäten für die nukleare Abschreckung Frankreichs; Franzosen ist im Gegenzug Zugang zum Vorhaben Kampfflugzeug Eurofighter verwehrt. Den Eurofighter produziert EADS (deutsch/spanisch) gemeinsam mit Briten und Italienern. Frankreich bietet das Flugzeug Rafale an.

Künftig werden spezielle jeweilige Sicherheitsinteressen durch so genannte "nationale Verteidigungsunternehmen" geschützt. Die Regierungen nominieren zu diesem Zweck drei externe Direktoren im jeweiligen Aufsichtsgremium der nationalen Unternehmensbereiche innerhalb der EADS.

Die Causa EADS steht für ein latentes Misstrauen zwischen Paris und Berlin mit Blick auf die wirtschaftspolitische Grundausrichtung. Für Frankreich ist die Luft- und Raumfahrtbranche eine strategische Industrie von nationalem Interesse ("industrie de souveraineté"), wobei Frankreich den Begriff der nationalen Industrie sehr weit fasst. In Berlin hat man mit industriepolitischer Kooperation über den Rhein hinweg schlechte Erfahrungen gemacht: Bei der Pharmazie und der Kernenergie, so ist zu hören, sei man von den Franzosen "über den Tisch gezogen worden".

Dieses grundsätzliche Mistrauen macht es dem Chef der EADS, dem Deutschen Thomas Enders, schwer, das Unternehmen nicht nur europäisch sondern auch international aufzustellen. Die Unternehmensphilosophie von Enders war von Anfang an, EADS - mit den beiden wesentlichen Aktivitäten Airbus und Eurocopter - europäisch zu denken und zu führen: Man spricht Englisch und die Konzernzentrale wurde nach Toulouse in der französischen Provinz verlegt. Letzteres konnte man in Paris nicht verstehen; in München sorgte man sich um die Verlagerung von Kompetenzen nach Toulouse. Nationales Kirchturmdenken erregte die politische Klasse in Paris und Berlin zu einem Zeitpunkt, an dem Enders mit der Fusion EADS/BAE Systems ein europa- und industriepolitisches Signal nicht nur über den Atlantik hinweg, sondern nach Asien senden wollte. Die Karten für EADS werden neu gemischt; und bekanntlich können Vernunftehen lange halten.

Der Autor ist Chefredakteur der "Griephan-Briefe" (Informationen zum Geschäftsfeld äußere & innere Sicherheit).

Aus Politik und Zeitgeschichte

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