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Chrsitina Neuhaus
Nahtstelle zweier Kulturen

JUGENDWERK Die deutsch-französischen Projekte sorgen für den Nachwuchs der Freundschaft

Die Annäherung zwischen jungen Deutschen und Franzosen begann vor knapp 50 Jahren im Schnee. Im Winter 1963/64 brachte das frisch gegründete Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) erstmals Jugendliche aus beiden Ländern zum Skifahren zusammen. Auf verschneiten Hängen in Bayern, im Harz und im Schwarzwald sollten sich die jungen Leute in entspannter Atmosphäre näher kommen - oder wie es der Élysée-Vertrag beschreibt: "Der deutschen und französischen Jugend sollen alle Möglichkeiten geboten werden, um die Bande, die zwischen ihnen bestehen, enger zu gestalten und ihr Verständnis füreinander zu vertiefen."

Viele Projekte

Diesem Anspruch ist das DFJW bis heute verpflichtet. Die Organisation wird mit jeweils gut zehn Millionen Euro im Jahr vom deutschen und vom französischen Staat finanziert und fördert eine Vielzahl von Projekten wie Schüleraustausche, Sprachkurse, Studienaufenthalte und Praktika. Daneben werden Begegnungen junger Menschen in der Wissenschaft, der Kunst oder im Sport unterstützt. All dies ist seit Jahrzehnten gleich geblieben.

Doch ansonsten hat sich viel geändert. So geht es fast 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr um das lange Zeit heikle Thema Aussöhnung. Auch die Einstellung der jungen Leute hat sich gewandelt. "Die Jugendlichen fragen sich heute viel gezielter, was ihnen die Teilnahme an einem bestimmten Projekt bringt", sagt Harald Schmidt, der seit mehr als 20 Jahren für das DFJW arbeitet und das Referat "Kommunikation und Veranstaltungen" leitet. Zudem sei eine Reise über den Rhein nicht mehr allzu aufregend, meint Schmidt. Viele junge Deutsche und Franzosen hätten ja die Möglichkeit, die ganze Welt zu entdecken.

Für DFJW-Generalsekretär Markus Ingenlath steht dennoch außer Frage, dass die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich eine ganz besondere ist. "Wenn wir die Zukunft Europas sichern wollen, dann muss auch die deutsch-französische Freundschaft gefestigt werden", sagt er. Es handele sich um eine "Nahtstelle zwischen zwei verschiedenen Lebensweisen und zwei verschiedenen Kulturräumen".

Deutsche und Franzosen müssten "einen so intensiven Austausch haben, dass sie auch Spannungen oder sogar mögliche Verteilungskämpfe aushalten und einander gleichwohl weiterhin mit Wohlwollen begegnen". Das DFJW versucht, den veränderten Rahmenbedingungen mit neuen Ideen Rechnung zu tragen. Ein Beispiel ist das Projekt "Clichy-sous-Bois trifft Neukölln", das im Jahr 2010 begann. Es bringt die Bewohner des Pariser Vororts, der in Deutschland vor allem durch heftige Krawalle bekannt wurde, und des als Problembezirk verschrieenen Berliner Stadtteils zusammen. Neben Jugendlichen werden dabei unter anderem Lehrer, Sozialarbeiter, Lokalpolitiker und Polizisten einbezogen. Viele junge Leute mit Migrationshintergrund nähmen sich im Rahmen des Projekts erstmals bewusst als Deutsche beziehungsweise Franzosen wahr, weil sie im jeweiligen Nachbarland ganz selbstverständlich so gesehen würden, berichtet Ingenlath.

Seiner Auffassung nach ist gerade die Arbeit mit Jugendlichen wichtig, um die guten Beziehungen langfristig zu garantieren. "Jede neue Generation muss an die deutsch-französische Freundschaft herangeführt werden. Unsere Länder sind durch Geschichte, Kultur und Staatsverständnis zu unterschiedlich geprägt, als dass sie ein Selbstläufer werden kann", sagte Ingenlath, der sich die Aufgaben im Generalsekretariat mit seiner französischen Kollegin Béatrice Angrand teilt. Vorurteile über lockere Franzosen und perfekt organisierte Deutsche gebe es heute genau so wie vor Jahrzehnten, berichtet DFJW-Veteran Schmidt.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff, Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe, hält es für unabdingbar, junge Menschen immer wieder neu für die guten nachbarschaftlichen Beziehungen und die europäische Einigung zu begeistern. "Viele junge Menschen sehen die Reisefreiheit als selbstverständlich an oder halten die gleich hohe Qualität des Trinkwassers an jedem Ort in der Europäischen Union für völlig normal - um nur zwei Beispiele zu nennen", sagt Schockenhoff, der auch im Verwaltungsrat des DFJW sitzt. "Was jedoch dahinter steckt, welche Rolle Europa in solchen Fragen spielt, welche Bedeutung Brüssel dafür hat - das muss immer wieder neu ins Bewusstsein gebracht werden", meint der Abgeordnete.

Euro-Krise

Gerade die Euro-Krise hatte in den vergangenen Monaten immer wieder Befürchtungen aufkommen lassen, dass der europäische Zusammenhalt nachlässt. Harsche Worte von einem Land zum anderen erregten Aufsehen, geschmacklose Plakate und Karikaturen sorgten für Missstimmung.

Ein neues DJFW-Projekt setzt dazu einen Gegenakzent. Unter dem Motto "Euro(pa) - Krise ohne Ende?" diskutierten Ende November 2012 junge Deutsche, Franzosen und Griechen in Berlin über die Lehren aus den aktuellen Problemen. Weitere Veranstaltungen in Straßburg und Thessaloniki sind geplant. Unterdessen läuft die Debatte zeitgemäß im Internet weiter - auf einer eigens eingerichteten Facebook-Seite.

Das DFJW bekommt die Eurokrise unmittelbar zu spüren. Die Institution arbeitet mit zahlreichen Partnern wie Jugendverbänden, Schulen und Hochschulen, Unternehmen und Ämtern zusammen. "Viele sind aufgrund der Sparbedingungen nicht mehr so in der Lage wie früher, Kofinanzierungen zu leisten", sagt Generalsekretär Ingenlath. Es sei deutlich zu spüren, "dass der ganze Jugendsektor stark betroffen ist. Und wir können das nicht alles kompensieren."

Denn während das Geld knapp ist, besteht ungebrochen großes Interesse an den Angeboten des DFJW. Seit mehreren Jahren bewegt sich die Teilnehmerzahl um 200.000, im Jahr 2011 beteiligten sich etwa 195.000 Jugendliche an den Programmen. Es hätten noch mehr sein können, sagt Ingenlath: "Es sind immer mehrere Millionen zu wenig in der Kasse gewesen." Entsprechend erfreut ist das DFJW über die Zusagen von deutscher und französischer Seite, das Budget, das seit Jahrzehnten bei 20 Millionen Euro liegt, im Jahr 2013 um jeweils eine Million Euro zu erhöhen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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