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Alexander Weinlein
Mär von der geerbten Feindschaft

GEMEINSAME GESCHICHTE Über Jahrhunderte bekriegten sich Deutsche und Franzosen - aber das ist nur die halbe Wahrheit

Die Geschichte Frankreichs und Deutschlands ist seit Jahrhunderten nur ein beständiges Bemühen, sich zu nähern, sich zu begreifen, sich zu vereinigen, sich ineinander zu verschmelzen, die Gleichgültigkeit war ihnen immer unmöglich, sie müssen sich hassen oder lieben, sich verbrüdern oder sich bekriegen." Die Worte des deutschen Publizisten Ludwig Börne aus dem Jahr 1836 haben bis heute nichts an Gültigkeit verloren. Doch für keinen Abschnitt der Geschichte passt diese Charakterisierung des deutsch-französischen Verhältnisses wohl so treffend wie für das 19. Jahrhundert - vor allem aus deutscher Sicht.

Als Börne diese Zeilen schrieb, lag der Befreiungskrieg gegen Frankreichs Kaiser Napoleon I., der von Politikern wie dem Freiherr vom Stein zum "Volkskrieg" und Literaten wie Carl Theodor Körner gar zum "Kreuzzug" und "heiligen Krieg" stilisiert worden war, gerade mal 20 Jahre zurück. 1840 verschlechterte sich die Stimmung noch einmal extrem, als Frankreich vehement eine Wiederherstellung der durchgehenden Rheingrenze forderte. In den Staaten des Deutschen Bundes, der 1815 vom Wiener Kongress aus den Trümmern des von Napoleon hinweggefegten Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation geschaffen worden war, schürte dies erneut den gesamtdeutschen Patriotismus. Max Schneckenburger dichtete "Die Wacht am Rhein" und Heinrich Hoffmann von Fallersleben brachte 1841 unter dem Eindruck der Drohungen aus Paris das "Lied der Deutschen" zu Papier: "Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt, wenn es stets zum Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält." Gegen Frankreich zum Beispiel.

Exportierte Revolution

Die Franzosen rangierten auf der Beliebtheitsskala der Deutschen dieser Zeit auf den untersten Plätzen - einerseits. Anderseits stießen die politischen Ideen und Ideale, die sie mit ihrer Revolution von 1789 in die Welt gesetzt und die Napoleons Soldaten gewaltsam exportiert hatten, bei liberal gesinnten Deutschen auf Zustimmung bis Begeisterung. Auf dem Wiener Kongress hatte sich zwar die alte Ordnung noch einmal gegen diese revolutionäre Stimmung durchsetzen können. Doch die Februarrevolution von 1848 in Frankreich ließ einen Monat später auch im Deutschen Bund die revolutionäre Stimmung explodieren. In Preußen, Baden und anderen Staaten gingen die Deutschen auf die Barrikaden. Mit den ersten freien Wahlen zur Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, die eine konstitutionelle Monarchie für ein zu schaffendes Deutsches Reich ausarbeitete, war der Traum vom demokratischen Nationalstaat in greifbare Nähe gerückt. Doch Preußens König Friedrich Wilhelm IV. ließ diesen Traum 1849 mit seiner Weigerung, eine Kaiserkrone aus den Händen des Volkes anzunehmen, wieder platzen.

Auf einen Nationalstaat musste die Deutschen noch einmal rund 20 Jahre länger warten. Und demokratisch wurde er auch nicht. Erneut aber sollte Frankreich dabei eine entscheidene Rolle spielen. Diesmal allerdings nicht als revolutionärer Ideengeber. Preußens Ministerpräsident Otto von Bismarck hatte andere Pläne. Nachdem er Österreich bereits 1866 durch einen Krieg aus dem zu schaffenden Nationalstaat hinausgedrängt hatte, provozierte er das Kaiserreich Frankreich unter Napoleon III. 1870 bewusst zu einer Kriegserklärung. Den folgenden kurzen aber brutalen Waffengang propagierte er wie geplant zum nationalen Einigungskrieg. Am 18. Januar 1871 ließ Bismarck Preußens König Wilhelm I. zum Kaiser der neuen Reichs ausrufen - ausgerechnet im Spiegelsaal des französichen Königsschlosses von Versailles.

Elsass und Lothringen

Mit zur deutschen Kriegsbeute gehörten das Elsass und Lothringen, die als Reichsland unter preußische Verwaltung kamen. Bismarck rechtfertigte die Annexion in einem Brief an den preußischen Botschafter in London Albrecht von Bernstorff mit den folgenden Worten: "Wir stehen heute im Felde gegen den 12. oder 15. Überfall und Eroberungskrieg, den Frankreich seit 200 Jahren gegen Deutschland ausführt. 1814 und 1815 suchte man Bürgschaften gegen Wiederholung dieser Friedensstörungen in der schonenden Behandlung Frankreichs. Die Gefahr liegt aber in der unheilbaren Herrschsucht und Anmaßung, welche dem französischen Volkscharakter eigen ist und sich von jedem Herrscher des Landes zum Angriff auf friedliche Nachbarstaaten missbrauchen lässt."

Mit der Einverleibung von Elsass-Lothringen legten die Deutschen zugleich den Grundstein für einen weiteren Dauerkonflikt mit den Franzosen, die auf "Revanche", auf Rache sannen. Frankreichs Innenminister Léon Gambetta brachte die Gefühlslage der besiegten und gedemütigten "Grande Nation" auf den Punkt: "Toujours y penser, jamais en parler!" ("Immer daran denken, niemals davon sprechen.")

Erster und Zweiter Weltkrieg

Die Zeche zahlen für diese Politik mussten die Menschen im Elsass und in Lothringen. Bis 1945 sollten sie noch dreimal die Staatsangehörigkeit wechseln. Und bei jedem Wechsel sahen sie sich Repressalien von der einen wie der anderen Seite ausgesetzt. Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg holte sich Frankreich mit dem Vertrag von Versailles (1919) das Elsass und Lothringen wieder zurück. Zähneknirschend mussten die Deutschen den von ihnen als "schändlichen Diktatfrieden" empfundenen Vertrag im Spiegelsaal des Versailler Schlosses unterzeichnen. Eine bewusste Demütigung. Mit der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen im Januar 1923 als Strafaktion wegen säumiger Reperationszahlungen des Deutschen Reichs erreichten die Beziehungen zwischen beiden Völkern einen weiteren Tiefpunkt.

Nur 21 Jahre nach dem Ende der Ersten Weltkriegs wurde die Geschichte der wechselseitigen Demütigungen fortgeschrieben. Adolf Hitler zwang die Franzosen 1940 nach ihrer Niederlage, die Kapitulation in jenem Eisenbahnwagen bei Compiègne zu unterzeichnen, in dem die Deutschen im November 1918 bereits das Waffenstillstands-Abkommen mit den Westmächten hatten unterzeichnen müssen. Nordfrankreich einschließlich Paris und die gesamte Atlantikküste kamen unter deutsche Besatzung, das sogenannte Vichy-Frankreich unter Führung des Marschalls Philippe Pétain im Süden wurde mehr oder weniger freiwillig zum Zwangsverbündeten des Deutschen Reichs degradiert. Der Umstand, dass im Mai 1945 die Überreste der SS-Division "Charlemagne" (Karl der Große), in der freiwillige Franzosen "gegen den Bolschewismus" kämpften, zu den letzten Verteidigern Berlins gehörten, bildete den bitter-ironischen Abschluss des dunkelsten Kapitels deutsch-französischer Geschichte.

Erbfeindschaft

Ohne Zweifel lassen sich die Beziehungen zwischen Franzosen und Deutschen als eine schier unendliche Abfolge von Kriegen und Konflikten beschreiben. Schon deshalb hat man heute meist die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Sinn, wenn von den deutsch-französischen Beziehungen die Rede ist. Die Zeit vor 1945 rangiert links und rechts des Rheins meist unter dem Begriff der "Erbfeindschaft", der "inimitié héréditaire" - und zwar geich, ob sie bedauert oder voll Inbrunst beschworen wurde.

Doch unabhängig davon, wie absurd die Vorstellung einer durch die Jahrhunderte von Generation zu Generation vererbten Feindschaft zwischen zwei Völkern ist, so unhistorisch ist sie letztlich auch. Mit dem gleichen Recht ließe sich auch eine "Erbfreundschaft" konstruieren. Immerhin wird in den Geschichtsschreibungen beider Länder Karl der Große gerne als gemeinsamer Urvater bemüht. Nun war der fränkische König zwar weder Franzose noch Deutscher, aber sein Reich, dass sich von der Atlantikküste bis an die Elbe und von der Nordsee bis nach Rom erstreckte, bildete zumindest die Keimzelle für beide Nationen.

Seine Enkel Lothar, Karl und Ludwig teilten dieses Reich schließlich unter sich auf. Im Vertrag von Verdun entstanden im Jahr 843 das West- und das Ostfränkische Reich; dazwischen lag das Reich Lothars, aus dem sich namentlich das spätere Lothringen entwickeln sollte. Karl der Kahle bekam das Westreich und Ludwig, der in späteren Jahrhunderten den Beinamen "der Deutsche" erhielt, die östliche Reichshälfte. Das West- und das Ostfränkische Reich gingen in den folgenden Jahrhunderten zwar getrennte Wege. Eine Feinschaft wurde deshalb jedoch nicht vererbt. Ein Jahr vor der Reichsteilung hatten Karl und Ludwig gar eine gegenseitige Beistandverpflichtung gegen ihren Bruder Lothar abgelegt. Dieses als "Straßburger Eide" in die Geschichtsbücher eingegangene Bündnis gilt als das erste schriftliche Dokument für die Entstehung der alt-französischen und althochdeutschen Sprache.

Auch im Hoch- und Spätmittelalter wird man vergeblich nach einer geerbten Feindschaft suchen. Im Gegenteil: Frankreichs Könige und die "deutschen" Staufer standen beispielsweise Seite an Seite gegen die englische Krone. Und während des Hundertjährigen Kriegs zwischen England und Frankreich starben 1346 bei Crècy deutsche Ritter an der Seite ihrer französischen Mit-streiter im Pfeilhagel der englischen Langbogenschützen.

Die Ursprünge für die vermeintliche Erbfeinschaft finden sich erst im habsburgisch-französischen Gegensatz, der sich im 16. Jahrhundert entwickelte, und den Kriegen des französischen Königs Ludwig XIV. Diese Kriege folgten jedoch der Logik dynastischer und machtpolitischer Ambitionen und nicht nationalistischen oder gar völkischen Überzeugungen.

Kultur und Sprache

Abseits der Schlachtfelder fühlten sich die Deutschen von ihren Nachbarn eh seit jeher angezogen. Die deutschen Minnesänger des Mittelalters orientierten sich an ihren südfranzösischen Vorbildern, den Troubadours. In der frühen Neuzeit wurde wie überall in Europa auch an deutschen Königs- und Fürstenhöfen durchgängig französich gesprochen und Preußens Friedrich der Große holte sich den Franzosen Voltaire an seinen Hof nach Potsdam, um mit ihm über Philosophie zu diskutieren. Napoleon Bonarparte wiederum schwärmte vom militärischen Genie des Preußenkönigs, deutsche Geistes - und Musikgrößen wie Goethe und Beethoven zeigten sich umgekehrt - zumindest anfänglich - begeistert von Napoleon. Selbst während der Weimarer Republik, als das deutsch-französische Verhältnis komplett durch die Erbfeindschaft bestimmt schien, wurde an deutschen Schulen neben Latein meist Französisch als erste Fremdsprache unterrichtet. Diesen Zustand hat selbst die deutsch-französiche Freundschaft in den vergangenen fünf Jahrzehnten nicht mehr herstellen können.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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