Inhalt

Claus Peter Kosfeld
Im Felde unbesiegt

DOLCHSTOSS Als die Militärs versagten, schoben sie den Demokraten den Schwarzen Peter zu

Schuld haben bekanntlich immer nur die anderen. Das gilt auch für Militärs, zumal dann, wenn schicksalhafte Katastrophen wie der verlorene Erste Weltkrieg rechtfertigt werden müssen. Im Schlamm der Schützengräben versackt, nach Jahren des Stellungskrieges kampfesmatt, zwischen Feinden eingekeilt, blieb der Obersten Heeresleitung (OHL) unter den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff nichts übrig, als im Herbst 1918 die ausweglose Situation der Armee einzugestehen. Mit dem Waffenstillstandsvertrag vom 11. November 1918 musste die Hoffnung auf einen großen Sieg begraben werden, gleichzeitig wurde eine Legende geboren: die vom Dolchstoß in den Rücken des deutschen Heeres.

Potenzielle Staatsfeinde

Wer dieses Bild erstmals aufgebracht hat, ist umstritten, aber die Militärs hatten ein Interesse daran, die Verantwortung für die Kriegsniederlage anderen anzulasten, vornehmlich jenen, die aus ihrer Sicht stets als potenzielle Staatsfeinde anzusehen waren: Politiker im Allgemeinen, Demokraten und Linke im Besonderen, die aus Sicht vieler Offiziere in der Heimat Streiks anzettelten und gegen den Krieg mobilisierten. Berichtet wird, dass Ludendorff die Kriegskatastrophe mit der ausbleibenden Unterstützung aus der "Heimat" begründete. So notierte Albrecht von Thaer (1868-1957), Chef des Stabes bei der OHL, in seinem Tagebuch, Ludendorff habe im Oktober 1918 in einer Ansprache deutlich gemacht, die Armee sei "schwer verseucht durch das Gift spartakistisch-sozialistischer Ideen". Auf die Truppen sei "kein Verlass" mehr. An anderer Stelle wird der englische General Sir Frederick Maurice als Urheber der Metapher vermutet und der Satz kolportiert: "Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefasst werden: Sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht." Der General dementierte die Äußerung später. Schließlich verhalf Hindenburg selbst der Legende zum Durchbruch, als er sich auf Maurice berief und im November 1919 vor dem Weltkriegs-Untersuchungsausschuss der Weimarer Nationalversammlung dessen angebliche Bemerkung als richtig bezeichnete. Dass keine Entscheidungsschlacht den Krieg beendet hatte und die Fronten im Herbst 1918 außerhalb der Reichsgrenzen verliefen, beförderte den Mythos von der heimatlichen Verschwörung, assistiert von der oft genannten nationalen Trostformel, die deutsche Armee sei "im Felde unbesiegt" geblieben. Die Dolchstoßlegende fand große Verbreitung, insbesondere in der Propaganda rechtsextremer Parteien, die nicht nur Sozialdemokraten anklagten, sondern auch die Juden. So entstand, wie Historiker es formulierten, "die wohl wirkungsmächtigste Geschichtslegende des 20. Jahrhunderts", die das politische Klima in der Weimarer Demokratie vergiftete und den Boden bereitete für den totalen Hitler-Faschismus.

Die fatale Wirkung hielt an bis in die Endphase des Zweiten Weltkrieges, als unter Militärs die Erkenntnis reifte, Hitler müsse beseitigt werden. Nicht wenige Offiziere der Wehrmacht fürchteten sich vor einer neuen Dolchstoß-Symbolik und einem "Führer", der zum Märtyrer gemacht würde - mit unabsehbaren Folgen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag