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Interview mit Michael Epkenhans
Ein sehr gefährliches Spiel

Michael Epkenhans Der Potsdamer Militärhistoriker widerspricht dem Autor Christopher Clark und sagt, 1914 hätten Wien und Berlin die Weichen auf Krieg gestellt. Der Versuch, Russland nach dem Attentat von Sarajewo zu testen, ging schief

Herr Epkenhans, in Ländern wie Frankreich gibt es schon erhebliche Vorbereitungen zum Kriegsausbruch 1914. In Deutschland tut sich noch wenig. Ist das in Ordnung?

Ich wünsche mir, dass auch in Deutschland der Erste Weltkrieg in ähnlicher Weise Beachtung findet wie in den Nachbarländern. Dieser Krieg hat ja Europa und Deutschland in jeder Hinsicht stark verändert und geprägt. Deshalb sollte man gemeinsam versuchen, eine Form der Erinnerung zu finden, die auch deutlich macht, welche Lehren man aus der Geschichte gezogen hat beziehungsweise ziehen sollte.

Leidet Deutschland hier nicht unter seiner Fixierung auf die Jahre 1933 bis 1945, so dass alles andere im Nebel verschwindet?

Allein wegen der zeitlichen Nähe hat der Zweite Weltkrieg die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg überlagert. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen direkter darunter gelitten haben und somit der Zweiten Weltkrieg auch in der öffentlichen Diskussion entsprechend aufgearbeitet wurde, was wir so vom Ersten Weltkrieg nicht mehr kennen. Dies sollte uns aber nicht daran hindern zu erkennen, wo es lange Linien in der Geschichte gab, etwa vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg bis hin zum Mauerfall.

In Deutschland ist das Buch des australischen Historikers Christopher Clark "Die Schlafwandler" seit Wochen ein Bestseller. Wie erklären Sie sich das?

Clarks Buch hat eine Lücke gefüllt. Es ist die erste wirklich vergleichende Geschichte der Ursachen für den Ersten Weltkrieg. Der Leser erfährt, wie es aus der Perspektive verschiedener Regierungen dazu kam, dass dieser Krieg am Ende ausgebrochen ist. Das Buch ist auch ein bisschen Balsam auf die deutsche Seele, weil viele immer gesagt haben, nicht nur die Deutschen könnten für diesen Kriegsausbruch und diese Katastrophe des 20. Jahrhunderts verantwortlich sein, sondern auch andere Länder. Darauf deutet ja auch schon der Titel hin. Inwieweit sich Christopher Clark mit seiner Deutung am Ende durchsetzen kann, wird man sehen.

Wäre das nicht eine überfällige Korrektur, nachdem die deutsche Historiografie in den 1920er Jahren jede Schuld am Ersten Weltkrieg von sich wies und man infolge der Fritz-Fischer-Diskussion nach 1961 Verantwortung fast nur noch in Berlin sah?

Man sollte ganz nüchtern darauf hinweisen, wer in der Julikrise 1914 für welche Entscheidung verantwortlich war. Zum Beispiel, dass auch die Österreicher diesen Krieg gewollt haben. Es ist auch richtig, darauf zu verweisen, dass die Franzosen die Russen in ihrem harten Kurs bestärkt haben, auch aus Angst vor dem großen deutschen Nachbarn. Man muss auch darauf hinweisen, was die Engländer getan oder unterlassen haben. Aus meiner Perspektive wird es aber nichts daran ändern, dass die wichtigsten Entscheidungen in Berlin gefallen sind. Die Reichsleitung hat am Ende entschieden, den österreichischen Ball aufzunehmen und weiterzuspielen.

Es gab 1914 die Verkettung der Bündnissysteme und zwanghaftes Handeln von Politikern. Gibt es da überhaupt mehr oder weniger Schuld, wie es etwa Clark bestreitet?

Hier stimme ich Clark nicht zu. Österreicher und Deutsche brachten den Ball ins Rollen und sagten, wir nehmen diese Krise zum Anlass, die Entente zu testen. Das weiß man auch aus den Gesprächen von Reichskanzler Bethmann Hollweg mit seinen engsten Vertrauten. Man wollte testen, wie sich der Zar verhielt. Eine Option war, dass der Zar sagte, ich unterstütze die Königsmörder von Sarajewo nicht. Die andere Option war - auch dem militärischen Denken und seinen Zwängen geschuldet -, dann lieber Krieg jetzt als später. Weil man glaubte, dass der Krieg letztlich ohnehin irgendwann kommen würde.

Sie sehen also weiter die Hauptschuld bei den Österreichern und Deutschen …

Schuld ist ein falscher Begriff. Wir haben eine Reihe von Akteuren in verschiedenen Staaten, die damals Politik machten. Hätten die Deutschen die Signale auf Rot gestellt, wären auch die Österreicher abgeschreckt worden. Menschen haben damals entschieden und der deutschen Reichsleitung ist das Ganze entglitten. Bethmann Hollweg wollte keinen großen Krieg, dazu war er zu klug. Aber auch er glaubte, durch ein diplomatisches Vabanquespiel die Lage des Reiches auf dem Kontinent zu verbessern. Er sah dabei nicht das zu große Risiko, weil er den Militärs zu sehr vertraute.

Was ist mit Russland, das als erste Großmacht die Generalmobilmachung befahl?

Die Russen haben Belgrad erst nach Österreichs Ultimatum vom 23. Juli an Serbien unterstützt. Berlin wusste aber schon vorher, dass die Russen nicht stillhalten würden. Trotzdem ließ man Wien weitermachen. Viele in Berlin waren überzeugt, der Zar werde die Königsmörder von Sarajewo nicht unterstützen. Deshalb wollte man Wien seinen lokalen Krieg gegen die Serben führen lassen. Es gab in Wien eine Kriegspartei, die mit Unterstützung von Kaiser Franz Josef Krieg führen wollte. Erst sehr spät erkannte Berlin, dass das Ganze ein sehr gefährliches Spiel war. Auch da versäumte man es, den Österreichern unmissverständlich zu sagen, dass man sie nicht unterstützt. 1912 und 1913 bei den beiden Balkankriegen hat Berlin Wien daran gehindert, einen Lokalkrieg zu führen, 1914 nicht mehr, weil man hoffte, damit Österreich, aber auch die eigene Position im Mächtesystem zu stärken.

Von Kaiser Wilhelm gab es Ende Juli 1914 das Telegramm an Zar Nikolaus, mäßigend auf seine auf Krieg drängenden Militärs zu wirken ...

Interessanterweise kam der Kaiser, der anfangs zwar sehr auf ein hartes Vorgehen gegen Serbien gedrängt hatte, dann aber nach Norwegen in Urlaub gegangen war, erst relativ spät ins "Geschäft". Als er von seiner Reise zurückkehrte, hielt er sich erstaunlicher Weise eher zurück. Die serbische Antwort fand er gar nicht so unbefriedigend, und wie der englische Außenminister glaubte er, dass eine symbolische Strafexpedition, das heißt eine Besetzung Belgrads, ausreichen würde. Der preußische Kriegsminister machte ihm dann aber schnell klar, dass er das Geschehen gar nicht mehr in der Hand habe, weil die Mobilmachungsvorbereitungen schon liefen. Das Dilemma der Akteure von 1914 war, dass sie aus ihrer Perspektive wenig Zeit hatten, einen anderen Kurs zu fahren. Je mehr Zeit man dem potenziellen Gegner ließ, desto schneller und gründlicher konnte der sich vorbereiten. Der deutsche Mobilmachungsplan basierte ja darauf, dass er sehr schnell umgesetzt wird. Zuerst sollten die Franzosen geschlagen werden, dann die Russen aufgehalten werden. Das nahm der Politik die Optionen.

War denn für Deutschland 1914 eine Option möglich, Wien mit seinen Balkanproblemen alleinzulassen?

Nein. Wien war der letzte verlässliche Bündnispartner. Ein solcher Kurs hätte gewaltige Rückwirkungen in Österreich-Ungarn gehabt, aber auch bezüglich der deutschen Stellung in Europa. Gleichwohl war es sehr fahrlässig, eine Politik des hohen Risikos zu fahren, weil ein Konflikt auf dem Balkan wegen der Bündnisverpflichtungen einen Kontinental- oder gar Weltkrieg zur Folge haben konnte. Seit dem 20./21. Juli 1914 wusste man, dass sich St. Petersburg nicht zurückhalten würde. Dies hat der russische Außenminister dem deutschen Botschafter klar erklärt, indem er darauf hinwies, "Russland sei friedlich gesinnt, würde sich aber nicht passiv verhalten".

Hatte das Habsburgerreich als Großmacht nicht auch das Recht, gegen den unruhigen Nachbarn Serbien nach dem Attentat von Sarajewo hart vorzugehen?

Man musste Österreich zugestehen, dass sich Serbien nicht seine inneren Angelegenheiten einmischt. Serbien hat auch Zusagen verletzt, großserbische Bestrebungen auf österreichischem Territorium zu unterbinden. Belgrad hat es auch versäumt, nach dem Attentat bei sich zu Hause aufzuräumen und zu untersuchen, wer dafür verantwortlich war. Vermutlich hätte man damals hochrangige Verantwortliche gefunden, die in irgendeiner Form verwickelt waren. Es gibt allerdings bis heute keinen Beweis für eine Komplizenschaft der serbischen Regierung in den Anschlag. Die Frage ist, ob es nach dem Attentat nicht möglich gewesen wäre, diesen Konflikt durch eine internationale Konferenz zu lösen. Die Deutschen hatten das Kalkül, nach dem Attentat schnell einzugreifen und so vollendete Tatsachen zu schaffen. Aber das konnten und wollten die Österreicher nicht. Strafexpeditionen macht man entweder sofort oder nicht. Vor allem, nachdem klar wurde, dass später das Risiko viel größer war.

Deeskaliert hat keiner im Juli 1914 …

Das stimmt. Die Briten waren die einzigen, die sich in Ansätzen bemühten. Die Deutschen reagierten erst, als es deutlich wurde, dass London auf Gegnerseite in den Krieg eintreten würde.

Lange war überhaupt nicht klar, wie sich die Briten verhalten würden. Wie sehen Sie die Verantwortung Londons für die Ausweitung des Krieges?

Aus englischer Perspektive war es erstaunlich, wie sich das Ganze entwickelte. Vielleicht hätten die Engländer früher deutlich machen müssen, wie sie sich verhalten würden. Vordergründig war es dann die Verletzung der belgischen Neutralität, weshalb England in den Krieg eintrat. Es war aber vor allem die alte englische Politik, keine Hegemonialmacht jenseits des Ärmelkanals zu dulden.

Wir sprechen viel über Fehler der Verantwortlichen. Was halten Sie von der These, der Erste Weltkrieg sei aus strukturellen Gründen wegen der Gegensätze und feindlichen Bündnissysteme unvermeidlich gewesen und Sarajewo nur der äußere Anlass?

Der Topos vom unvermeidlichen Krieg, wie Wolfgang Mommsen einmal sagte, führt meines Erachtens in die Irre. Trotz aller Kriegshysterie in manchen Kreisen war der Krieg 1914 nicht unvermeidlich. Es sind immer Menschen, die entscheiden. Wenn die sich vernünftig zusammengesetzt hätten so wie 1913 bei der Londoner Botschafterkonferenz nach dem Ersten Balkankrieg, wäre der Weltkrieg zu vermeiden gewesen.

Was kann man aus der Juli-Krise lernen?

Dass es wichtig ist, Mechanismen für Konfliktlösungen zu entwickeln. Wie kann man verhindern, dass eine Friedensordnung zusammenbricht bzw. welche Mechanismen braucht man bei einer Verletzung der internationalen Friedensordnung, um durchzusetzen, dass der Frieden gewahrt bleibt oder durchgesetzt wird?

Wem ist die Verantwortung dafür zu geben, dass es in viereinhalb Jahren Krieg 1914 bis 1918 zu keinem Friedensschluss kam?

Kein Staat hatte ein Interesse daran, den Krieg auf der Grundlage des Status quo ante zu beenden. Aufgrund der großen Schrecken, der vielen Opfer und immensen Kosten des Krieges glaubte jeder, irgendeinen Gewinn mit nach Hause nehmen zu müssen.

Halten Sie im Atomzeitalter Kriege zwischen Großmächten noch für möglich?

Aus dem 20. Jahrhundert haben alle gelernt, dass Kriege im großen Umfang in der Katastrophe enden können. Mit der Atombombe ist heute der absolute Schrecken verbunden, weil die absolute Vernichtung droht. Vor 100 Jahren glaubte man dagegen noch an die Führbarkeit von Kriegen und daran, ihn wie im 18. oder 19. Jahrhundert zu beenden. Daher haben sich die großen Staaten schon im Kalten Krieg bemüht, Mechanismen zu finden, die eine Eskalation noch in letzter Minute aufhalten kann. Ich erinnere an die Einrichtung des Roten Telefons nach der Kubakrise. Es ist auch unvorstellbar, dass moderne Demokratien heute Krieg gegeneinander führen. Die gemeinsamen Werte verhindern, dass sich Derartiges wie 1914 entwickelt.

Das Interview führte Hans Krump.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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