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Ansgar Graw
Die alten Geister kehren zurück

Weltordnung Die Idee der "Gemeinschaft freier Völker" nach 1918 scheiterte

Kurz vor seinem Tode sagte Gustav Stresemann, der deutsche Außenminister, Reichskanzler des Krisenjahres 1923 und Friedensnobelpreisträger, einem Freund: "Ich denke, das bleibt nach mir, dass man ohne Gewaltmittel die Macht wiedergewinnen kann, und vielleicht als Wichtigstes: dass man durch Frieden und Verständigung eben solche Siege zu erringen vermag wie durch Schlachten und Krieg." Stresemann, Deutschlands größter Real- und zugleich Großmachtpolitiker der Zwischenkriegszeit, sollte tragisch widerlegt werden, weil diejenigen, die die von ihm verkörperte Weimarer Republik von rechts und links bekämpften, nichts im Sinn hatten mit Realpolitik. Dem Ende des Ersten Weltkriegs, den Stresemann noch in den Reihen der "Annexionisten" erlebt hatte, sollte zwei Jahrzehnte später der Zweite, noch schrecklichere und blutigere, folgen, in dessen Schatten zudem der Holocaust tobte.

Urkastastrophe

Dabei hätte "der Große Krieg", wie das Völkerringen der Jahre 1914 bis 1918 lange Zeit genannt wurde, als ein letztes Signal dahingehend verstanden werden müssen, dass Macht und Frieden nicht in erster Linie auf Schlachten gründen. Denn nach der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (so der amerikanische Diplomat George F. Kennan) war wenig übrig geblieben von den vermeintlichen Sicherheiten der internationalen Ordnung. Hatten fünf Großmächte das alte System dominiert, waren drei von ihnen, nämlich das Deutsche Reich, die Wiener Doppelmonarchie und Russland, durch den Kriegsverlauf und soziale Revolutionen vorläufig ausgeschaltet worden. Staaten wie Polen und Jugoslawien erschienen neu auf der Bildfläche. Die Kolonialverhältnisse in Afrika und Indien begannen zu erodieren. London wie Paris gehörten formal zu den Siegermächten, aber sie hatten sich im Krieg verausgabt und hoch verschuldet. Darum erklärten sie in Versailles das geschlagene Deutschland zum Alleinschuldigen, der sämtliche Kriegskosten übernehmen sollte. John Meynard Keynes, der britische Weltökonom, erkannte im Versailler Vertrag von 1919 einen "Karthago-Frieden", der den Keim des nächsten Krieges bereits in sich trage.

Zur Verunsicherung der politischen Verhältnisse trug bei, dass Paris und London ohne das US-Eingreifen das deutsche Kaiserreich nicht hätten niederringen können. Die Welt verfolgte in der kommenden Dekade staunend, wie Amerika trotz einer dramatisch steigenden Arbeitslosigkeit zur prosperierenden Weltmacht wurde. Zugleich erwuchs Japan zum neuen Kraftzentrum im fernen Asien, während in Russland der bolschewistische Totalitarismus zum globalen Bürgerkrieg aufrief. Faschismus und Nationalsozialismus sollten andernorts bald folgen.

Darum hatte der amerikanische Präsident Woodrow Wilson 1918 mit seinen "14 Punkten", der Forderung nach dem Selbstbestimmungsrecht und einem "Frieden ohne Sieg" nie eine realistische Chance. Paris und London blockierten sich gegenseitig und verwarfen damit in indirekter Einmütigkeit die Idee einer "Gemeinschaft freier Völker", die ihre Händel nicht mehr machtpolitisch, sondern auf der institutionellen Basis der neu zu gründenden "League of Nations" regeln sollten.

Völkerbund

Zwar wurde der Völkerbund 1920 in Genf gegründet. Aber Deutschland blieb die Mitgliedschaft bis 1926 und der Sowjetunion gar bis 1934 verwehrt. Nicht einmal die Vereinigten Staaten selbst waren mit von der Partie. Der US-Senat verweigerte die Ratifizierung des Versailler Vertrages und des Beitritts zu dem neuen Gremium, weil es nach der misstrauischen Wahrnehmung der Washingtoner Politiker lediglich "die amerikanische Nation in ein europäisch-asiatisches Machtgleichgewicht verstricken" würde. Zwar hatte der Völkerbund, der 1946 aufgelöst wurde, zwischenzeitlich bis zu 58 Mitgliedsstaaten. Aber er war gleichwohl bald nach seiner Gründung von den beteiligten Regierungen zu einem "bloßen Debattierclub" (Gordon A. Craig) degradiert worden.

Deutschland war um den Ausgleich mit dem Westen ernsthaft bemüht. Die Weimarer Republik wollte mit seiner Verfassung und seinem Bekenntnis zu den Idealen der Demokratie und des Parlamentarismus das Misstrauen in Paris und London ausräumen. Finanziell lehnte Berlin sich zudem eng an die USA. Aber die gewaltigen Reparationsforderungen, für die das im Osten, Norden und Westen territorial amputierte Reich aufkommen musste, erwiesen sich als überzogen und schlicht unbezahlbar. Doch selbst vernünftige Bitten Berlins um moderate Milderungen der Auflagen stießen in Paris und London auf schroffe Ablehnungen. Frankreich okkupierte 1921 Städte wie Düsseldorf und Oberhausen und England drohte, Entente-Truppen ins Ruhrgebiet einmarschieren zu lassen.

Dann kam das Krisenjahr 1923. Französische und belgische Truppen besetzten vor dem Hintergrund deutscher Zahlungsverzögerungen das Ruhrgebiet. In Sachsen und Thüringen bereiteten die Kommunisten einen "deutschen Oktoberaufstand" vor. Im November versuchte Adolf Hitler, laut Golo Mann "einer aus Niemandsland", seinen Münchner Putsch. Zudem ächzte ganz Deutschland unter der Hyperinflation, bevor zum Jahresende die Währung völlig kollabierte. Kanzler Stresemann musste nach einem Misstrauensvotum die gerade erst eingenommene Regierungsspitze aufgeben; den nachfolgenden Kabinetten diente er als wirkungsmächtiger Außenminister, bis er 1929 mit nur 51 Jahren im Amt starb.

In dieser Situation agierte die deutsche Politik widersprüchlich. Das Misstrauen vor allem der Franzosen fand neue Nahrung, weil Berlin per "Schaukelpolitik" Avancen in Richtung Osten machte. Im Vertrag von Rapallo, den Walther Rathenau, Außenminister unter Kanzler Josef Wirth, im April 1922 hinter dem Rücken der Westmächte mit Moskau ausgehandelt hatte, verzichteten Deutschland und die Sowjetunion wechselseitig auf alle Ansprüche. Damit hielten sich die beiden Paria des Staatengemeinschaft den Rücken frei. Rapallo wurde als Infragestellung von Versailles gelesen, spielte den damals besonders anti-deutsch operierenden Franzosen in die Hände und wurde darum von Stresemann mit Skepsis gesehen. Nur zwei Monate nach der Vertragsunterzeichnung wurde Rathenau von Rechtsextremen ermordet.

Eine Zeitenwende schien erreicht, als 1924 in Frankreich eine deutschfreundlichere Regierung unter dem Radikalsozialisten Edouard Herriot an die Macht gelangte. Stresemann und Aristide Briand, der Außenminister Herriots, leiteten eine deutsch-französische Verständigungspolitik ein. Sie mündete im Oktober 1925 im schweizerischen Tessin in die Verhandlungen zu den Locarno-Verträgen. Neben Berlin und Paris vereinbarten darin England, Belgien, Italien sowie Polen und die Tschechoslowakei den territorialen Status Quo im Westen und in Südeuropa. Im Klartext verzichtete das Deutsche Reich damit auf Elsass-Lothringen und Frankreich auf das linke Rheinufer. Hingegen gab Stresemann den deutschen Anspruch auf eine Grenzrevision im Osten nicht auf. Deutschland verpflichtete sich jedoch, dazu auf Gewalt zu verzichten.

"Von Locarno aus muss ein neues Europa entstehen", mahnte Briand. Aber der "Geist von Locarno" erwies sich nicht als dauerhaft. Schon der inhaltlich eher dürftige Berliner Freundschaftsvertrag von 1926 mit der UdSSR sorgte im Westen für erneute Irritation. Deutschland wollte Moskau versichern, dass Locarno die Vereinbarung von Rapallo nicht tangiere. Nicht nur in Paris wurde diese Geste als Fortsetzung der deutschen Schaukelpolitik zwischen Ost und West verstanden. Zunächst allerdings führte Locarno zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund 1926. Briand und Stresemann erhielten im selben Jahr gemeinsam den Friedensnobelpreis.

Briand-Kellogg-Pakt

Die logisch anmutende Folge war am 27. August 1928 der zunächst von elf Nationen in Paris unterzeichnete und später von 60 Regierungen ratifizierte Briand-Kellogg-Pakt, benannt nach dem französischen Außenminister und seinem US-Kollegen Frank B. Kellogg. Er erklärte Angriffskriege für völkerrechtswidrig. Briand hatte zunächst einen derartigen Vertrag zur Ächtung der Gewalt als "Instrument der nationalen Politik" nur mit den USA schließen wollen. Stresemann drängte erfolgreich darauf, das Deutsche Reich und andere Länder in den Kreis der Signatarstaaten aufzunehmen, um ein französisch-amerikanisches Sonderverhältnis zu verhindern. Zeitgleich begannen die Vorbereitungen für den zum 1. September 1929 in Kraft gesetzten Young-Plan, der die deutschen Reparationsverpflichtungen aus dem Dawes-Plan (1924) reduzierte und Deutschland seine finanzpolitische Souveränität zurückgab. Zugleich räumte Frankreich das Rheinland weit vor der in Versailles vereinbarten Frist. Doch dann waren die "Goldenen Zwanziger Jahre" vorbei. Der "Schwarze Donnerstag" im Oktober 1929 an der New Yorker Börse sorgte für Panik. Amerikanische Banken riefen ihre Kredite aus Deutschland und Frankreich zurück. In Asien ließ die Mandschurei-Krise des Jahres 1931 den bevorstehenden japanisch-chinesischen Krieg erahnen. Auch in Europa kehrten die alten Geister zurück auf die Bühne. Paris blockierte eine deutsch-österreichische Zollunion und London wertete den Sterling ab, um Handelsvorteile zu erreichen. Die Zeit der Utopien war vorbei, die Ideologien traten an ihre Stelle. In Deutschland sollte es nur noch zwei Jahre bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten dauern.

Der Autor ist Korrespondent der Tageszeitung "Die Welt" in Washington.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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