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Annette Sach
Mehr als eine runde Zahl

ÉLYSÉE-VERTRAG Deutsche und französische Abgeordnete begehen gemeinsames Jubiläum in Berlin

Neben dem französischen Präsidenten Charles de Gaulle und dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer gibt es zwei "europäische Helden", die viel zum Verständnis des Nachbarlandes und zur Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich beigetragen haben. Bei offiziellen Feierlichkeiten aber blieben sie bislang zumeist unerwähnt. Beim festlichen Mittagessen aus Anlass der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag des Élysée-Vertrages im Paul-Löbe-Haus erinnert Gastgeber Bundestagspräsident Norbert Lammert auf besondere Weise an diese beiden "Europäer": Er zitiert, was die beiden Gallier Asterix und Obelix in dem 1963 erschienenen Band "Asterix bei den Goten" bei der Überschreitung des Rheins gesagt hatten: "Im Gotenland ist das Wetter scheußlich, das Klima unerträglich und das Essen ungenießbar." Zur Erheiterung der über 850 deutschen und französischen Abgeordneten kann der Bundestagspräsident aber dann doch erleichtert feststellen: "Die Welt hat sich gründlich verändert." Das beweist der eintägige Besuch der mehr als 350 französischen Abgeordneten in Berlin in vielerlei Hinsicht.

Großes Glück

Klimatisch gesehen stellen Schnee und frostige Temperaturen die Organisatoren aus Berlin und Paris, die das Treffen monatelang minutiös vorbereitet hatten, an diesem 22. Januar vor große Herausforderungen. Als der Großteil der Mitglieder der Assemblée nationale um 11.14 Uhr mit einem Airbus 340, einem der Symbole deutsch-französischer Zusammenarbeit, in Berlin landet, sind die Stimmung und die Vorfreude auf das große Ereignis aber bereits bestens. "Das ist wirklich ein geschichtsträchtiger Moment und ein großes Glück, diesen Tag hier gemeinsam erleben zu können", sagt der Abgeordnete William Dumas aus dem Département Gard bei seiner Ankunft vor dem Westportal des Reichstagsgebäudes. Dann eilt auch er auf die Fraktionsebene, wo sich die politischen Gruppierungen trefffen. Zeit für ein erstes Kennenlernen oder die Wiederbegegnung mit deutschen Kollegen. Viele der Abgeordneten kennen sich aus der gemeinsamen Arbeit etwa der Europa- und Verteidigungsausschüsse oder aus den halbjährlich stattfindenden deutsch-französischen Regierungskonsultationen - ein wichtiger Teil des Élysée-Vertrages, aber auch der Gemeinsamen Erklärung beider Länder aus dem Jahr 2003. Sie wurde verabschiedet, als die beiden Parlamenten den 40. Jahrestag des Vertrages mit ihren französischen Kollegen in Versailles begingen.

Gegeneinladung

Zehn Jahre später sitzen einige von ihnen bei der Gegeneinladung nach Berlin wieder gemeinsam an runden, festlich gedeckten Tischen an einem Ort, der kaum gegensätzlicher sein könnte als das Schloss von Versailles, aber doch auch voller Symbolik ist: der Halle des Paul-Löbe-Hauses. In dem großen kathedralenförmigen Bau dominieren eigentlich Beton, Glas und Metall. An diesem Tag geben die festlich in Cremefarben gedeckten Tische, der rote Teppichboden und das warme Licht dem Raum eine festliche, fast heitere Atmosphäre. Von der großen Halle des Paul-Löbe-Hauses schaut man auf der einen Seite auf das Bundeskanzleramt, das nach der Wiedervereinigung gebaut wurde. Auf der anderen Seite fällt der Blick auf die Spree, wo auf der gegenüberliegenden Uferseite einst die Mauer mit Stacheldraht und Selbstschussanlangen verlief. "Dieser Saal zeigt, dass Menschen, Männer und Frauen, die Geschichte verändern können", sagt der französische Parlamentspräsident Claude Bartelone beim gemeinsamen Mittagessen. Ein Hauch von Geschichte weht auch, als deutsche und französische Abgeordnete nach dem Essen im Plenarsaal Platz nehmen. Er ist eigens für den Festakt umgebaut worden. Die traditionelle blaue Bestuhlung nach Fraktionen wurde durch schwarze, leichte Stuhlreihen ersetzt. Hinter dem Rednerpult haben an diesem Nachmittag die beiden Parlamentspräsidenten, der Direktor beim Bundestag Horst Risse und seine französische Kollegin Corinne Luquiens Platz genommen. Ein französischer Plenarassistent mit weißer Fliege und elegantem schwarzen Frack gießt für den ersten Redner ein Glas Wasser ein.

Die Abgeordneten im Saal stehen dort in deutsch-französischen Grüppchen beieinander, Küsschen links und Küsschen rechts, viele machen noch schnell ein Erinnerungsfoto mit der Handykamera bevor um 14.16 Uhr der Gong ertönt. Alles erhebt sich und spontaner Applaus kommt auf. Die beiden Parlamentspräsidenten Nobert Lammert und Claude Bartelone sowie Bundespräsident Joachim Gauck, Frankreichs Staatspräsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden kurz darauf mit anderen Vertretern der Verfassungsorgane zu einer Sonderstuhlreihe geleitet. Dann ein kurzer Moment der Stille, der spüren lässt, dass dies keine Sitzung wie jede andere ist. "Wer ein Gespür für die Bedeutung von 50 Jahren in der jüngeren europäischen Geschichte hat, kann das nicht nur für eine runde Zahl oder ein beliebiges Ereignis halten", sagt der Bundestagspräsident zur Begrüßung. Er erinnert daran, dass es in jeder langjährigen, stabilen Beziehung "Phasen der Leidenschaft und der Vernunft" gebe. Im Augenblick befänden sich beide Länder in einer "Phase der leidenschaftlichen Vernunft als der romantischen Verliebtheit". Lammert stellt fest: "Das muss kein Nachteil sein." Mit der Normalisierung der Beziehungen könnte man "sehr gut leben, besser als jemals zuvor in der deutschen Geschichte". Auch der französische Staatspräsident François Hollande ruft ins Gedächtnis, dass "Deutschlands und Frankreichs Schicksale" eng miteinander verbunden sind. Neben der Vergangenheit mahnt er "neue Perspektiven" für die Zukunft an. Die Jugend und das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) spielten dabei für die beiderseitigen Beziehungen eine ganz besondere Rolle. Denn, warnt Hollande, "der Jugend droht die Krise" und er kündigt eine weitere Harmonisierung der Berufsbildungssysteme an.

Um die deutsch-französische Freundschaft zu erhalten, bedarf es nach Meinung von Bundeskanzlerin Merkel immer auch der "Neugier auf den Nachbarn". "Diese Neugier muss erhalten bleiben, von Generation zu Generation weitergeben werden", fordert sie. Denn ein Vertrag könne eben nicht "befehlen, sich für den anderen zu interessieren". Deutschland und Frankreich würden auch in Zukunft "eine gemeinsame Verantwortung verspüren, einmal für unsere beiden Länder, aber immer im Kontext von Europa", sagt sie.

Auch der Präsident der französischen Nationalversammlung, Claude Bartelone, ist sich sicher, man könne sich nur gemeinsam weiterentwickeln. Entscheidend sei dabei vor allem, das europäische Integrationsprojekt voranzubringen: "Die Seele unserer Freundschaft ist Europa." Angesichts der aktuellen Diskussion um die Eurokrise fordert er aber auch mehr Wachstum: "Ohne Rückkehr zum Wachstum erreichen wir nichts in Europa." Wie viel in den beiderseitigen Beziehungen schon erreicht wurde, wo aber noch vieles verbessert werden kann, zeigt auch die anschließende Aussprache, in der die Vorsitzenden aller Fraktionen beider Parlamente zu Wort kommen.

Danach nehmen die Parlamentarier die Gemeinsame Erklärung (17/12100) an, in der die Perspektiven für die weitere Zusammenarbeit beider Länder festgelegt sind. Während die vorherige Debatte schon fast an den politischen Alltag erinnert, kommt beim letzten Teil der Sitzung das auf, was im parlamentarischen Geschäft selten zu erleben ist: ein Moment des Innehaltens - und auch der Rührung. Sie ist einigen der Abgeordneten ins Gesicht geschrieben, als sie in Begleitung von fünf Bläsern erst die Marseillaise und dann die deutsche Nationalhymne singen.

Kraft der Musik

Die verbindende Kraft der Musik empfinden viele Abgeordnete noch einmal beim anschließenden Konzert auf Einladung von Bundespräsident Gauck in der Berliner Philharmonie. Neben Beethovens Ouvertüre zu Goethes "Egmont" erklingt dort Camille Saint-Saëns' "Orgelsinfonie". Beides Stücke, in denen Trauer und Freude, Zorn und Zärtlichkeit zum Ausdruck kommen - Musik, die bei jedem einzelnen Zuhörer seine ganz persönliche deutsch-französische Geschichte zum Klingen bringt.

Der Bundespräsident wendet sich in seiner Rede vor allem an die anwesenden 150 deutschen und französischen Jugendlichen - Enkel und Urenkel der deutsch-französischen Freundschaft. Er freue sich, dass sie sich Krieg nicht mehr vorstellen könnten. "Politik kann und darf Geschichte nicht löschen", mahnt Gauck. Sie könne aber "Widersprüche zähmen, Verbindendes entdecken und stärken, Gemeinsamkeiten gestalten". "Politik kann Raum schaffen für Begegnung, für Heilung und Versöhnung."

In diesem Sinne bittet er, an die Mitglieder der Assemblée nationale gewandt, eines als Gewissheit mit nach Paris zu nehmen: "Ja, wir Deutschen wollen Europa. Und eines ist sicher, wir wollen es immer und nur in tiefer und fester Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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