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Alexander Heinrich/Annette Sach
Kinder des Élysée-Vertrages

PORTRÄTS Die Abgeordneten Andreas Mattfeld und Matthias Fekl erleben die deutsch-französischen Beziehungen auf sehr persönliche Weise - in ihren Familien

Sie führen ein anderes Leben, sprechen verschiedene Sprachen und gehören unterschiedlichen politischen Lagern an. Auf den ersten Blick haben der französische Abgeordnete Matthias Fekl (PS) und sein deutscher Kollege Andreas Mattfeld (CDU) nicht viele Gemeinsamkeiten. Dennoch eint beide eines: mit ihren deutsch-französischen Wurzeln und binationalen Familiengeschichten sind sie "Kinder des Elysée-Vertrages" - ohne den Schulterschluss beider Länder wären ihre Leben anders verlaufen.

Besonderer Vertrag

Andreas Mattfeld ist sich sogar ganz sicher: "Ohne den Élysée-Vertrag würde es mich nicht geben. Das ist definitiv so", sagt er. Sein Vater kam 1968 im Rahmen einer Städtepartnerschaft nach Deutschland. Dort lernte er seine Mutter kennen und lieben. Im Jahr darauf, 1969, wurde Mattfeld in Verden an der Aller geboren. Seinen Vater und seine französische Familie hat der Industriekaufmann aber erst 35 Jahre später "kennen, schätzen und lieben gelernt".

Auch Matthias Fekl wurde in Deutschland geboren, 1977 in Frankfurt am Main. Seine französische Mutter und sein deutscher Vater vermittelten ihm schon früh die Liebe zum Nachbarland jenseits des Rheins. Kindheit und Jugend verbrachte Fekl in West-Berlin. Eines der prägendsten Ereignisse deutscher Geschichte, den Fall der Mauer, hat er dort selber erlebt: "Am Morgen danach habe ich mit meinem Vater und meinem Bruder als Mauerspecht kleine Teile von der Mauer abgeschlagen", erinnert er sich. Umso interessanter ist, wo Fekl seine Heimat sieht: "Ich fühle mich einfach als Franzose, auch wenn ich die doppelte Staatsbürgerschaft habe", sagt er.

Klassischer Karriereweg

Ein Beweis dafür ist auch sein klassisch französischer Karriereweg: Nach dem Abitur in Berlin studierte er an mehreren französischen Eliteuniversitäten und entschied sich für die Laufbahn eines Verwaltungsrichters. Als leitender Mitarbeiter und Berater, unter anderem vom französischen Senatspräsidenten Jean-Pierre Bel, lernte er das politische Geschäft von der Pike auf, sowohl in Paris, aber auch in der so genannten Provinz, seinem heutigen Wahlkreis Lot-et-Garonne im Süden Frankreichs. Mehr als 1.500 Kilometer nördlich hat Andreas Mattfeld seine politische Karriere begonnen. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Industriekaufmann arbeitete er mehrere Jahre lang in der Lebensmittelindustrie. 1990 trat der Vater zweier Töchter in die CDU ein. Seit 2009 sitzt er für die Partei im Bundestag. Sein französischer Vater, ein Journalist, hat ihm dabei geholfen, auch wenn der eigentlich ein Anhänger von Präsident Hollande ist. Beide diskutieren gerne und leidenschaftlich über Politik. Nicht immer sind sie einer Meinung, "aber er hilft dabei im Wahlkampf, meine Bilder aufzuhängen. Da sind eben die Familienbande", sagt Mattfeld.

Dabei erinnert er sich vor allem auch an seinen französischen Großvater. "Als er bei einem Familienfest neben mir saß, waren alle verwundert, in welch gutem Deutsch er mit mir sprach." Der Großvater erzählte, dass er in den ersten Kriegswochen gefangen und zur Zwangsarbeit nach Thüringen geschickt worden war. In solchen Momenten denkt Mattfeld, dass sich sein deutscher und sein französischer Großvater im Krieg hätten begegnen und töten können. "Das hat schon etwas unwirkliches, wenn man heute darüber nachdenkt", sagt er. Auch für Fekl hat die Erinnerung an die Geschichte eine starke Bedeutung.

Er ist überzeugt: "Gedenkfeiern wie die zu Élysée-Vertrag sind wichtig und starke politische Zeichen. Aber sie sind nicht ausreichend." Seiner Meinung nach braucht das deutsch-französische Verhältnis "starke neue Initiativen". Als ein solches Projekt kann er sich beispielsweise einen deutsch-französischen Zivildienst vorstellen. Aber auch im Bereich der Forschung und in Fragen der Energiepolitik sieht der junge französische Parlamentarier eine Menge neues Potential.

Seite an Seite

Gerade die Energiepolitik ist für den Abgordneten Mattfeld ein Beispiel dafür, dass es trotz vieler bereits bestehender Kontakte zwischen beiden Ländern noch viel Erklärungsbedarf gibt. Sein französischer Vater etwa verstehe die "deutsche Angst gegenüber der Kernkraft überhaupt nicht", erzählt er. Auch die Frage einer Rentenreform wird diesseits und jenseits des Rheins ganz anders diskutiert.

Trotz mancher Meinungsunterschiede "gibt es zwischen beiden Ländern einen enormen Vertrauensvorschuss, weil wir gleiche Interessenlagen haben", weiß Mattfeld. Frankreich wisse, gerade auch mit Blick auf die Situation in Mali, "dass sie uns in jedem Fall an ihrer Seite wissen. Und auch Fekl ist sich sicher: "Keine unserer beiden Nationen kann die Herausforderung der Zukunft alleine regeln. Zu zweit können Deutschland und Frankreich viel mehr erreichen."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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