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AUFGEKEHRT
Peter Stützle
Im Rahmen der Kehrwoche

Das Wort hat innerhalb weniger Tage in Berlin die Runde gemacht. Oft wird es mit wütendem Gesichtsausdruck ausgesprochen. Und das alles wegen Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Dieser wohnt seit Jahr und Tag im Bezirk Prenzlauer Berg. Nach der Wende wurden dort massenhaft heruntergekommene Altbauwohnungen in luxuriöse Eigentumswohnungen umgewandelt. In diese zogen vorwiegend solvente Neuberliner, darunter gefühlte 110 Prozent Schwaben.

Einer der wenigen verbliebenen Ureinwohner ist Wolfgang Thierse. Und der gab vor wenigen Wochen seinen Unmut darüber kund, dass beim Bäcker um die Ecke "Wecken" statt Schrippen angepriesen würden. Münchener verstehen das; sie mögen es auch nicht, wenn ihre Semmeln als Brötchen bezeichnet werden. Viele Schwaben aber verstanden es gar nicht. Eine Woge der Empörung schwappte bis an den Bodensee. Intoleranz gegen Zuwanderer war noch der geringste Vorwurf. Das ihm!

Der Gegenschlag ließ nicht lange auf sich warten. Die Glossisten der Berliner Presse schrieben sich die Finger wund, die Leserbriefspalten quollen über vor Empörung über die zugezogenen Schwaben - die mit ihrer Kehrwoche, hieß es. Das ist im Württembergischen die Woche, in der man turnusmäßig für die Säuberung in einem Mehrparteienhaus verantwortlich ist. Dass Berliner Mietshäuser auch solche Regeln kennen, wen interessiert's?

Und dann das: Jemand bewarf das Käthe-Kollwitz-Denkmal mit Spätzle! Gerade noch rechtzeitig stoppte Baden-Württembergs Europaminister Peter Friedrich den drohenden Bürgerkrieg: "Unser größtes Problem ist doch nicht, ob es Schrippe oder Wecken heißt, sondern was man in Berlin alles so versemmelt."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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