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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

"… in die Parlamente schmeißt die Handgranate rein"; "… lasst die Messer flutschen in den Judenleib"; "… Kanaken zerhacken": Hunderte Male hörte der Undercover-Journalist Thomas Kuban die Lieder der Neonazi-Rockgruppen, dutzende Male besuchte er ihre streng konspirativen Konzerte in Deutschland und im Ausland. Seit 2003 filmte Kuban diese Events. Im Falle seiner Enttarnung musste er damit rechnen, zum Krüppel geschlagen zu werden.

Inzwischen wurden seine mit Spionagetechnik aufgenommen Dokumentationen von politischen Fernsehmagazinen wie "Spiegel TV", "Stern TV" und "Panorama" ausgestrahlt. Auf diese Weise geriet die internationale Neonazi-Musikszene erheblich unter Druck. Die einzigartigen Erfahrungen aus seiner langjährigen Recherchearbeit veröffentlichte Thomas Kuban jetzt in einem informativen Buch. Er beschreibt, wie sich die neonazistische Jugendkultur international ausbreitet: in Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn, Polen, Frankreich, Belgien, England und der Schweiz. Über sogenannte "Nationale Info-Telefone" - es handelt sich um Anrufbeantworter - werden Nachrichten in der rechtsextremistischen Szene verbreitet. So erfuhr auch der Autor, wo das nächste "Hüttenwochenende", Rechtsschulungen, Demonstrationen oder Mahnwachen stattfanden. Perfekt passte sich Kuban der Szene an: er kleidete sich wie ein Neo-nazi und rasierte sich eine Glatze. Für seine Recherchen benutzte er bis zu 40 verschiedene Identitäten.

Kuben beschreibt die Skinhead-Musikszene als wichtigsten Rekrutierungsort der Szene: dort werden junge Leute für den militanten Neonazismus begeistert. Zudem konnte er die engen Verbindungen von NPD-Mitgliedern zur rechtsextremistischen Musikszene nachweisen. Auch in den NSU-Bekennervideos wurde die Musik dieser Gruppen gespielt. Bis heute existiert in Deutschland eine Grauzone um deren Konzerte, in der Rechtsextremisten frei agieren können. Dazu gehören auch Großveranstaltungen der NPD, die die "Freien Kameradschaften" für Auftritte nutzen.

Thomas Kuben:

Blut muss fließen. Undercover unter Nazis.

Campus Verlag, Frankfurt/M. 2012; 317 S., 19,95 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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