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Jörg Biallas
Erinnern - ein Leben lang

NS-Opfer Inge Deutschkron hält zum Holocaust-Gedenken eine beeindruckende Rede im Bundestag

Es ist das wohl symbolträchtigste Bild dieser an emotionalen Momenten so reichen Gedenkstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestages: An der Hand von Bundestagspräsident Norbert Lammert, auf der anderen Seite untergehakt bei Bundespräsident Joachim Gauck, flankiert von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesratspräsident Winfried Kretschmann verlässt Inge Deutschkron den Saal. Die Spitzen der Verfassungsorgane erweisen der 90-Jährigen damit nicht nur die Ehre für ein beeindruckendes Lebenswerk. Nein, es scheint, als solle diese zierliche, körperlich zerbrechlich wirkende Frau beschützt werden vor weiterem Unheil, von dem sie als junge Jüdin im nationalsozialistischen Berlin so viel erfahren musste. Die Parlamentarier im Raum unterstreichen die Würde dieses Augenblicks mit einem Ausdruck der Hochachtung, indem sie stehend und schweigend abwarten, bis Inge Deutschkron den Saal verlassen hat.

Damit endete eine Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus, wie sie der Deutsche Bundestag seit 1996 anlässlich der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 jährlich begeht. Die Journalistin und Schriftstellerin Inge Deutschkron hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, über ihre Erlebnisse zu berichten und der Nachwelt anschaulich Zeugnis zu geben von der skrupellosen Grausamkeit, mit der Hitlers Machtapparat seine Tötungsmaschinerie in Gang gesetzt hatte.

Rückblick auf Jubel in Berlin

Diesen Anspruch erfüllte Inge Deutschkron am vergangenen Mittwoch, auf den Tag genau 80 Jahre nach Hitlers Machtübernahme, vor dem voll besetzten Plenarsaal mit dem Bericht über ihr "zerrissenes Leben" vortrefflich. Sie erzählte, wie es war an jenem Abend des 30. Januar 1933, als die Berliner den Nazis, die in einem Fackelzug durch das Brandenburger Tor marschierten, zujubelten. Wie es war, als die damals Zehnjährige nachts aus Angst vor der Verhaftung des Vaters nicht schlafen konnte. Wie es war, als ihr Vater, der für seinen Einsatz im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden war, aus dem Staatsdienst entlassen wurde, weil er als Jude kein Lehrer mehr sein durfte. Wie es war, als Kind mit dem gelben "Judenstern" durch Berlin zu gehen und Verachtung, aber auch Mitleid zu erfahren. Wie es war, als die Deportation der Berliner jüdischen Gemeinde systematisch durchgeführt wurde und Freunde der Familie ihr Leben riskierten, weil sie Inge Deutschkron und ihrer Mutter jahrelang ein Versteck boten. Schließlich: Wie es war, als sie nach dem Krieg ihren gerade noch rechtzeitig nach England geflüchteten Vater zum ersten Mal wiedersah und sich angesichts der Millionen Menschen, die den Terror der Nazi-Herrschaft nicht überlebt hatten, schuldig fühlte. Dieses Schuldgefühl ließ sie nie mehr los. "Ich musste es niederschreiben", sagte sie in den Plenarsaal, "die Wahrheit, die lückenlose Wahrheit, präzise und emotionslos."

Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte zuvor an das schier unermessliche Ausmaß, in dem Menschen zu Opfern der nationalsozialistischen Ideologie wurden, erinnert. Er sagte: "Wir gedenken der europäischen Juden, Sinti und Roma, der zu ,Untermenschen´ degradierten slawischen Völker, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, dem Hungertod preisgegebenen Kriegsgefangenen, der Opfer staatlicher Euthanasie, der Homosexuellen, aller, die sich aus religiösen, politischen oder schlicht menschlichen Beweggründen dem Terror widersetzten und deswegen der totalitären Staatsgewalt zum Opfer fielen."

Der Reichstag sei ein "stummer Zeuge" des Niedergangs der ersten deutschen Demokratie vor 80 Jahren. Deshalb sei er "der richtige Ort, um öffentlich als Staat und Gesellschaft den Toten Ehre zu erweisen und gleichzeitig den Willen zu bekunden, alles zu tun, damit eine ähnliche, menschengemachte, staatlich organisierte Katastrophe sich nie mehr ereignen kann". Dafür wäre es freilich hilfreich gewesen, die Botschaften dieses Gedenktages in die Welt zu tragen. Für Lammert ein Ansatz zur Kritik an der Programmgestaltung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Es sei gut, "wenn diese Veranstaltung von Phoenix übertragen wird, noch besser wäre es, wenn ARD oder ZDF es wie wir wichtig genug fänden, dieses Gedenken und diesen gemeinsamen Willen aller Demokraten einer breiten Öffentlichkeit im Hauptprogramm" zu vermitteln, sagte der Bundestagspräsident. Klatschen im Plenum.

Sonst ist es andächtig still. Im Laufe der Gedenkstunde wächst eine Beklemmung, die sich bleiern über den Saal legt, als wolle sie die Anwesenden an ihre Verantwortung für eine Zukunft in Freiheit und Frieden für alle Zeiten erinnern. Besonders als das Synagogal Ensemble Berlin das Gebet "El Male Rachamim" (Gott voller Erbarmen) anstimmt. Darin werden zum Gedenken an die Opfer des Holocaust Namen von Konzentrationslagern genannt. Der des Hebräischen Unkundige versteht nur diese Worte, die, mit sakraler Intonation vorgetragen, in Trauer anklagen. Niemand im Saal kann sich in diesem Moment des Pflichtgefühls entziehen, das Menschenmögliche zu tun, die Narben des schmerzlichsten Kapitels der deutschen Geschichte nicht wieder aufplatzen zu lassen.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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