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Jörg Biallas
Bewegende Mahnung

VON JÖRG BIALLAS

Inge Deutschkron war zehn Jahre alt, als die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Demontage der jungen deutschen Demokratie einleiteten und die Welt ins Unglück stürzten. Heute ist sie 90. Genau 80 Jahre nach Hitlers Machtübernahme und anlässlich des Gedenkens an die Befreiung der Überlebenden im Konzentrationslager Auschwitz am 27. Januar 1945 erinnerte Inge Deutschkron vor dem Deutschen Bundestag an das Schicksal Millionen NS-Opfer. Es war ein bewegender Auftritt, der das Parlament in Trauer, aber auch in der Überzeugung, Rechtsextremismus mit demokratischer Entschlossenheit zu begegnen, einte.

Die Jüdin Inge Deutschkron verdankt ihr Überleben Nicht-Juden. Berliner Helfer hatten den Mut, sie und ihre Mutter vor dem todbringenden Zugriff der Nazi-Schergen zu verstecken. Es ist diese Art von Zivilcourage, die auch heute noch das beste Rezept gegen rechtsextremistische Einfalt ist. Zahlreich sind die Beispiele effektiven Aufbegehrens gegen Neonazis: in Bürgerinitiativen, bei Demonstrationen, in der Politik. Und doch erschüttern immer wieder Übergriffe nicht für möglich gehaltenen Ausmaßes die Republik, zuletzt das grausame Todesschwadron der "NSU-Mörder".

Die akribische politische Aufarbeitung dieser Fälle in mehreren parlamentarischen Untersuchungsausschüssen ist Beleg dafür, dass sachlicher Umgang und parteiübergreifende Geschlossenheit helfen, den braunen Spuk zu entzaubern. Dazu ist diese Gesellschaft, dazu ist dieser Staat ausreichend stabil und in der Lage. Übrigens hat das auch der sehr überschaubare Zuspruch für die NPD bei den jüngsten Landtagswahlen in Niedersachsen gezeigt. Nachvollziehbar werden vor diesem Hintergrund wieder Stimmen lauter, die Bedenken formulieren, ein erneutes Gerichtsverfahren mit dem Ziel eines Verbots der Partei könnte scheitern.

All das ist gewiss kein Grund, die Gefahr von rechts außen nicht mehr als solche wahrzunehmen. Auch 80 Jahre, nachdem ein Diktator die Geschicke des deutschen Volkes an sich gerissen hatte, ist dieser von kompromissloser Menschenverachtung, psychopathischer Großmannssucht und selbstgefälliger Intoleranz beseelte Geist keineswegs verflogen. Es ist geboten, dagegen etwas zu unternehmen und Mahnungen gegen das Vergessen zu stellen. So wie es Inge Deutschkron nunmehr ein Leben lang auf beeindruckende Weise vormacht.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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