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Jörg Biallas
Eindruck der Willkür

VON JÖRG BIALLAS

Der parlamentarische Meinungsaustausch zum Thema Organspende gehört zu den bleibenden Eindrücken dieser Legislaturperiode, die sich ihrem Ende entgegenneigt. Sachlich und emotional, das Generelle ebenso wie den Einzelfall betrachtend, persönlich betroffen und hypothetisch reflektierend, immer aber in dem Bewusstsein, einer Gewissensfrage verpflichtet zu sein, hat der Bundestag die Reform des Transplantationsgesetzes diskutiert. Damit verfestigte sich der politische Wille, die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung zu erhöhen. Eine Absicht, die die Fraktionen seinerzeit mit breitem Konsens formuliert haben.

Allein der Umstand, dass dieses Thema auf der politischen Agenda stand, hat in der Öffentlichkeit für Gesprächsstoff gesorgt. Wie hältst du es mit der Transplantation? Bist du zur Spende bereit? Würdest du Organe anderer Menschen empfangen wollen? Intensiv wie niemals zuvor wurden diese Fragen in Familien, mit Freunden, unter Kollegen diskutiert. Plötzlich war gefordert, sich persönlich und konkret zum Leben, zum Tod und zum Verlauf der Grenze dazwischen zu verhalten. Überlegungen, die viele Menschen schon deshalb als unangenehm empfinden, weil damit die unausweichliche Endlichkeit des eigenen Seins ganz offensichtlich in die Gegenwart tritt. Trotz dieses Umstandes und bei Hochachtung vor den Argumenten der Transplantationsgegner war ein gesellschaftlicher Diskurs entflammt, der die Spendebereitschaft gewiss gesteigert hätte.

Seitdem ist fast ein Jahr vergangen. Und wieder wird über Organspenden diskutiert. Allerdings mit ganz anderem Tenor. Schuld daran sind die skandalösen Vorfälle in einigen Kliniken: Mediziner haben offenbar Unterlagen mit dem Ziel manipuliert, eigene Patienten schneller mit Spenderorganen zu versorgen. Unabhängig von dem jeweils zu prüfenden Motiv, haben diese Ärzte nicht nur das eigene Ethos, sondern auch die Transplantationsmedizin mit Füßen getreten. Dabei ist ein Imageschaden entstanden, der weit über das Unrecht jedes einzelnen Falls hinausgeht.

Der rasante medizinische Fortschritt ermöglicht ein immer tieferes Eingreifen in von der Natur vorbestimmte Prozesse. Dazu gehört es auch, Menschenleben mit fremden Organen zu retten. Der Eindruck, die medizinischen Möglichkeiten gingen einher mit ärztlicher Willkür, ist unerträglich und muss ausgeräumt werden.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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