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Marcela Vélez-Plickert
Das Billionen-Spiel der Notenbanken

finanzsystem Nach USA und Europa pumpt auch Japan massiv Geld in die Wirtschaft

Japans umstrittene Ankündigung einer ultra-lockeren Geldpolitik und der expansive Kurs in Amerika beunruhigen nicht mehr nur die Schwellenländer. Auch die Bundesbank ist besorgt über eine "aggressive Geldpolitik". Japan soll "mehr denn je darauf zielen, das beste in der Welt zu werden", hat Shinzo Abe, Japans neuer Premierminister, angekündigt. Er will das lahmende Wirtschaftswachstum durch neue Konjunkturprogramme auf Pump und eine noch lockerere Geldpolitik ankurbeln - entgegen dem Rat mancher Volkswirte, die eher Strukturreformen für mehr Wettbewerbsfähigkeit empfehlen und auf die schon jetzt sehr hohe Verschuldung Japans hinweisen.

In Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt die Schuldenquote inzwischen 235 Prozent. Japan ist damit das am höchsten verschuldete Industrieland der Welt. Trotzdem plant Abe weiteres "Deficit Spending", um damit die Konjunktur zu stimulieren und die leichte Deflation zu überwinden.

Unterstützend soll die Bank of Japan (BoJ) eingreifen. Es gibt unverhohlenen Druck der Regierung auf die Zentralbank zu einer weiteren geldpolitischen Lockerung. Aus Protest dagegen hat Notenbank-Chef Masaaki Shirakawa für Mitte März seinen Rücktritt angekündigt. Abe zielt auch auf eine Abwertung des Yen, um den japanischen Export zu stärken. Der Übergriff auf die Notenbank hat weltweit Kritik hervorgerufen. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann äußerte besorgt: "Hinter der Forderung nach einer noch aggressiveren Geldpolitik steht die Drohung, der Notenbank ihre Autonomie zu nehmen."

Pessimisten sehen schon Anzeichen eines globalen Währungskriegs, wenn ein Abwertungswettlauf beginnen sollte. Unter Shirakawas Nachfolger wird die Bank von Japan sich Abes Wünschen fügen und ihr Inflationsziel auf zwei Prozent verdoppeln. Das bedeutet, dass sie ihre Geldpolitik noch weiter lockern wird. Da der Leitzins bei praktisch null steht, kann sie nur noch mehr Anleihen kaufen und somit die Märkte mit frischem Geld fluten. Schon jetzt hat sie für 113 Billionen Yen (umgerechnet fast eine Billion Euro) Staatsanleihen - etwas mehr als ein Zehntel der Gesamtschuld - auf ihrer Bilanz. In Zukunft will die Notenbank monatlich Wertpapiere in einem Volumen von 13 Billionen Yen kaufen.

Wie die Fed der USA

Mit ihrer Politik ist die japanische Zentralbank nicht mehr weit von der amerikanischen Geldpolitik entfernt. Die Notenbank Federal Reserve (Fed) hat schon drei Runden einer "quantitativen Lockerung" beschlossen. Mit dem aktuellen "Quantitative Easing 3" erwirbt sie monatlich für 85 Milliarden Dollar Papiere und pumpt frisches Zentralbankgeld in den Markt, um die Anleihezinsen zu senken. Die britische Notenbank nimmt in großem Umfang englische Staatspapiere in ihre Bilanz. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) hat Staatsanleihen von Krisenländern gekauft. Zudem haben alle Zentralbanken seit Ausbruch der Finanzkrise die Leitzinsen drastisch gesenkt und den Bankensektoren beinahe unbegrenzt Liquidität gegeben.

Insgesamt wird geschätzt, dass die großen Zentralbanken etwa fünf Billionen Dollar in die Wirtschaft gepumpt haben.

Die gewaltigen Liquiditätsspritzen und die Krise haben die Wechselkurse stark bewegt. Der Dollar und auch der Euro werteten erheblich ab gegenüber stärkeren Währungen wie den Yen und dem Schweizer Franken. Japans Währung hatte um rund 20 Prozent aufgewertet, seit die Fed die Politik der "quantitativen Lockerungen" vor zweieinhalb Jahren begann. Auch und besonders die Schwellenländer haben die lockere Geldpolitik der Industrieländer zu spüren bekommen. Sie wurden Ziel gewaltiger Kapitalströme, die ihre Konjunktur zeitweilig zu überhitzen drohte und ihre Währungen unter Aufwertungsdruck setzte. Der brasilianische Real stieg nach Beginn der Fed-Maßnahmen auf ein Zwölfjahreshoch gegenüber dem Dollar. "Wir sind mitten in einem internationalen Währungskrieg", klagte der brasilianische Finanzminister Guido Mantega damals.

Während 2010 die lautesten Kritiker aus den Schwellenländern kamen, waren angesichts der jüngsten japanischen Wende auch die Deutschen in Sorge. Nicht nur Bundesbank-Präsident Weidmann zeigte sich besorgt über den drohenden Verlust der Notenbank-Unabhängigkeit. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mahnte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, dass Zentralbanken nicht zum "Ausputzer" für eine schlechte Wirtschaftspolitik oder mangelnde Wettbewerbsfähigkeit werden dürften. Wechselkursmanipulationen gelte es zu verhindern.

An den Devisenmärkten hat der Coup der japanischen Regierung die Kurse schon kräftig in Bewegung gesetzt. Seit der ersten Andeutung des Kurswechsels der Bank von Japan wertete der Yen gegenüber dem Dollar um 23 Prozent und gegenüber dem Euro um 15 Prozent ab, errechnete die Agentur Reuters. Der Euro kletterte dabei auf den höchsten Kurs seit 14 Monaten gegen beide Währungen. Für die rezessionsgeplagte Währungsunion bringt das neue Probleme. "Der Schaden für die Eurozone durch eine überstarke Währung könnte schwer sein", sagt etwa Barry Eichengreen, Wirtschaftsprofessor in Los Angeles. Jüngst warnte Frankreichs Staatspräsident François Hollande vor einem zu starken Euro und vor "irrationalen Kursausschlägen an den Devisenmärkten".

Auslandsmärkte im Blick

Die gezielte Abwertung des Yen ist ein wichtiges Element von Premierminister Abes Plan zur Ankurbelung der Wirtschaft. Er will damit im Export gegenüber Wettbewerbern wie Südkorea oder Deutschland wieder Boden gutmachen. Mit beiden kämpft Japan um wichtige Auslandsmärkte. "Deutschland und Japan zielen auf ähnliche Märkte", sagt der Währungsstratege Athanasios Vamvakidis von der Bank of America. "Eine Abwertung des Yen würde damit die deutschen Wachstumsaussichten schwächen." Japanische Konzerne wie Toyota und Toshiba hatten im vergangenen Jahr immer drängender eine Devisenmarkt-Intervention gegen den Yen-Höhenflug gefordert.

Ein schwächerer Yen hat auch Auswirkungen auf die japanische Außenhandelsbilanz, die nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe im März 2011 schwer ins Defizit gerutscht ist. Weil 48 von 50 Kernreaktoren ausgeschaltet sind, muss das Land in großen Mengen teures Flüssiggas für Gaskraftwerke importieren. Entsprechend stieg die Importrechnung. Das einstige gefürchtete Exportland hat 2012 somit ein Außenhandelsdefizit von fast sieben Billionen Yen (55 Milliarden Euro) ausgewiesen. Eigentlich müsste der Wechselkurs in der Folge von selbst abwerten. Dass dies nicht passierte, sei Schuld der "zu zurückhaltenden" Zentralbank, findet die Regierung - und verordnete ihr einen Lockerungskurs.

Kurzfristig scheint Abes Plan aufzugehen. Der Yen hat abgewertet, die Unternehmen atmen auf und die Bevölkerung ist Umfragen zufolge sehr angetan. Der bisherige Zentralbank-Chef Masaaki Shirakawa hatte sich noch etwas gegen Abes Übergriffe zu wehren versucht. Die aussichtsreichsten Nachfolgerkandidaten stehen für einen expansiveren Kurs. Ob damit Japans Probleme gelöst werden, bezweifeln viele Ökonomen. In den vergangenen 20 Jahren war Japan das G-7-Land mit den geringsten Wachstumsraten. Nur sehr schleppend hat es sich von der Krise der frühen 1990-er Jahre erholt, als die Immobilien- und Börsenblase platzte, die von einer Politik des billigen Geldes aufgeblasen worden war.

Schuldenwachstum

Über zwei Jahrzehnte haben die Regierungen in Tokio mit mehr als einem Dutzend Konjunkturprogrammen versucht, die Wirtschaft anzukurbeln. Doch eine nachhaltige Belebung der Konjunktur blieb aus, nur der Schuldenberg wuchs von Programm zu Programm immer höher. Viele ausländische Fachleute machen für die Wachstumsschwäche die Abschottung großer Teile der japanischen Wirtschaft verantwortlich. Bis auf die Regierung von Junichiro Koizumi scheute die bis auf eine Unterbrechung regierende LDP aber durchgreifende Reformen. "Das Letzte, was die japanische Wirtschaft jetzt braucht, ist ein Rückfall bei den Strukturreformen", sagt Stephen Roach, Ökonomie-Professor in Yale. Er warnt vor einer "geldpolitischen Illusion".

Die neuen Konjunkturpakete von mehr als zehn Billionen Yen treiben Japans Haushalt auf ein Rekordvolumen von 96,2 Billionen Yen (fast 780 Milliarden Euro). 43 Billionen Yen - knapp 45 Prozent des Etats - sollen durch Neuverschuldung finanziert werden. Der Schuldenberg wächst und wächst. Nach einer Prognose des Internationalen Währungsfonds wird die Schuldenquote in vier Jahren über 250 Prozent des BIP steigen. Bislang werden die Staatsanleihen zu 90 Prozent von Inländern gehalten, die sich mit Mini-Zinsen zufrieden geben. Doch angesichts der rapide alternden japanischen Bevölkerung ist absehbar, dass die Anleihen bald auch an Ausländer verkauft werden müssen. "Schon ein relativ kleiner Anstieg der Risikoprämien würde die fiskalische Konsolidierung noch schwieriger machen", warnen die IWF-Ökonomen.

Sollte es der Bank of Japan tatsächlich gelingen, nennenswerte Inflation zu erzeugen, könnte der Yen kräftig abwerten. Die Zinsen müssten aber steigen, damit Anleger noch japanische Anleihen kaufen, prognostiziert der Harvard-Ökonom Martin Feldstein. Wenn das eintrete, dann hätte die Regierung "sich selbst erschossen", warnt er. Es ist ein hochriskantes Spiel, das die Weltfinanzen und das Weltwährungssystem erschüttern kann.

Die Autorin ist freie Korrespondentin für Wirtschaftsthemen in Frankfurt/Main.

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