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Jan Rübel
Der Unaufgeregte: Anton Hofreiter

Anton Hofreiter ist verschnupft. Er seufzt, brummt: "Ich würde als Ausschussvorsitzender schon gern einen guten Draht zu Herrn Ramsauer haben, aber der Mann ist mir zu unstrukturiert." Doch es kommt noch ärger. Der Abgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen ist wirklich arg verschnupft, "ein grippaler Infekt", auf den Tischen seines Büros liegen Vitamintabletten. Nur noch dieses Interview, dann werden alle weiteren Termine des Tages abgesagt und Hofreiter, Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, wird sich hinlegen. Sein Ärger über den Bundesverkehrsminister verfliegt kaum, als sich sein Blick im Grün seiner vier Zimmerpflanzen verfängt. "Das ist der dunkelste Winter seit 50 Jahren", sagt er. "Darunter leiden die auch." Alle vier Pflanzen kann er bestimmen - immerhin ist der 43-Jährige promovierter Biologe, Fachgebiet Botanik.

Sein Engagement bei den Grünen liest sich wie in einem Bilderbuch. "Schon mit elf wusste ich, dass ich Biologie studieren wollte, trotz eines grauenhaften Schulunterrichts." Die Bewunderung des Schönen und Komplexen der Natur - und die Notwendigkeit ihres Schutzes führten ihn zur Öko-Partei. Aber nicht nur: "Ebenso wichtig war für mich Sozialpolitik." Beim Thema Mieten lässt er sich nicht lange bitten. Das jetzt vom Bundesrat beschlossene Mietrechtsänderungsgesetz bringt ihn auf Touren, Infekt hin oder her. "Die dort verankerte Sicherungsanordnung ist ein Schmarrn." Nun sollen in einem laufenden Verfahren für die Miete Sicherheiten geleistet werden - um so genannten Mietnomaden einen Riegel vorzuschieben. "Da hat man für einen geringen Anteil von Fällen total tief ins Mietrecht eingegriffen", regt er sich auf. Das Thema Mieten ist für Hofreiter ein Sorgenfaltentreiber. Sein Wahlkreis München-Land kennt horrende Mieten, einen anhaltenden Preisantrieb für Immobilien und steigenden Bedarf. "Die Immobilienpreise machen es für manche Einkommen fast unmöglich, einen passenden Wohnraum zu finden." Der Bund solle den sozialen Wohnungsbau stärken, aber dafür sieht Hofreiter schwarz: "Ab 2019 wird dies wegen des in der Föderalismusreform verabschiedeten Kooperationsverbots eher schwieriger. Das ist ein schwerer Fehler - und ich sehe bisher keine guten Ideen, die ohne eine Verfassungsänderung auskommen würden." Miete ist für ihn vor allem eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Früher, in den Achtzigern, verortete sich der junge Hofreiter bei den Grünen nicht links. "Ich bin geblieben wie ich war, nur ist die Partei teilweise in die vermeintlich realpolitische Richtung gewandert." Und so pocht im "Umwelt-Toni" stets ein soziales Gewissen, eines, bei dem er nicht weiß, ob er für die Reformagenda 2010 und Hartz IV gestimmt hätte, wäre er schon vor 2005 in den Bundestag eingezogen. Hofreiter entstammt einer Arbeiterfamilie. Die Großväter waren Elektriker und Maurer, der Vater schaffte es über den zweiten Bildungsweg zum Ingenieur.

Als Hofreiter 2011 zum Ausschussvorsitzenden gewählt wurde, wunderten sich darüber nur jene, die ihn nicht kannten. Da waren diese langen Haare, der Vollbart - das erinnerte manche mehr an einen Sozialarbeiter im Jugendzentrum als an den Chef eines Legislativorgans. Anton Hofreiter zeigte Führungsstil. Er moderiert unaufgeregt und souverän, seine Bass-Stimme liebt kein eiliges Stakkato.

Fehlende Kompetenz hat ihm noch niemand vorgeworfen. "Ich versuche, neutral und objektiv zu agieren", sagt er, und man erhält den Eindruck, er meint es auch so. "Und überhaupt, meine Frisur schafft einen Wiedererkennungswert, das ist im Berliner Politikbetrieb von Vorteil."So ein richtiger Revoluzzer ist er wohl nicht. Von seinem Büro im Erdgeschoss des Paul-Löbe-Hauses ginge es in einen schmucken Garten aus Hecken und wohl sortierten Steinen, "im Sommer denken wir schon mal daran, dort zu grillen und ein Bier zu zapfen", sagt er, aber es "ginge" eben nur nach draußen. "Die Verwaltung hat das wohl verboten", meint er achselzuckend und in vorauseilendem Gehorsam. Bleibt nur die Pflege drinnen von Wachsblume und Hibiskus.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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