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Jörg Biallas
Eine Frage des Flairs

VON JÖRG BIALLAS

"Bezahlbares Wohnen". Die Formulierung des Tagesordnungspunktes für die Debatte im Deutschen Bundestag am vergangenen Donnerstag legt nahe, dass es hierzulande zumindest nicht selbstverständlich ist, ein erschwingliches Zuhause zu haben. Und tatsächlich entwickeln sich Mieten und Immobilienpreise in einigen Städten dramatisch nach oben. Der Staat ist gefordert, regulierend einzugreifen.

Das ist nicht einfach. Schon deshalb, weil das regionale Gefälle enorm ist. In den gerade auch bei jungen Menschen angesagten Metropolen wie München, Hamburg oder Berlin steigen die Kosten für eine Unterkunft stetig und teils über alle Maßen. Andere Städte beklagen Leerstand, etwa die von Abwanderung geplagten ostdeutschen Oberzentren. Aber auch in ehemals florierenden westdeutschen Regionen wie in Teilen des Ruhrgebietes geht der Strukturwandel einher mit einem kränkelnden Wohnungsmarkt. Besonders schwierig ist die Situation auf dem Land. Abseits der Speckgürtel größerer Städte lässt die demografische Entwicklung schon bald einen zusammenbrechenden Markt für Immobilien befürchten. Wenn das eigene Häuschen, einst als Altersvorsorge oder als Zukunftssicherung für die Kinder gebaut, beinahe wertlos wird, geraten Finanz- und damit Lebensplanungen ins Rutschen. Das ist umso dramatischer, weil gerade Immobilien über Jahrzehnte als Garant für ein sorgenfreies Rentner-Dasein angepriesen worden sind.

In vielen Städten hingegen ist es für weite Teile der Bevölkerung schon jetzt nahezu unmöglich, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Es mangelt an preiswerten Studentenbuden, erschwinglichen Angeboten für Senioren, vor allem aber auch an Unterkünften für Familien, die nicht zu den Spitzenverdienern gehören. Diese Defizite kann der Staat, können die Kommunen nicht allein aus der Welt schaffen. Vieles muss und wird der Markt regeln. Allerdings ist die Politik gefordert, Anreize zu setzen, damit Investoren nicht nur Luxusappartements in Berlin-Mitte, sondern auch Familienheime in Bielefeld-Schildesche als Geschäftsmodell im Blick haben. Zudem müssen die Interessen derer, die ohne eigenes Zutun Opfer einer Preisspirale sind, geschützt werden.

Mittlerweile dämmert es den Städten, dass Vielfalt in der Bevölkerung das urbane Flair maßgeblich ausmacht. Die Voraussetzung dafür ist, genau: "Bezahlbares Wohnen".

Aus Politik und Zeitgeschichte

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