Inhalt

Julian Burgert
Lebenswege 3.0

MEDIENWORKSHOP Nachwuchsjournalisten gewinnen Einblicke in Politik und Journalismus der Hauptstadt

Wann bekommt man schon einmal eine solche Chance, direkt in das Herz unserer Demokratie zu schauen?", fragt Jasmin Twardawo begeistert. "Nicht so oft und genau deswegen bin ich hier!"

Mit ihrer Begeisterung war die 18-Jährige in der vergangenen Woche nicht allein: Insgesamt 30 Jungjournalisten aus ganz Deutschland ging es ebenso, sie alle nahmen am diesjährigen Jugendmedienworkshop des Bundestages teil und erhielten hier direkten Einblick in das politische und mediale Geschehen der Hauptstadt.

Konkret bedeutete das für die jugendlichen Teilnehmer ein Besuch im Bundestag, Diskussionen mit Abgeordneten, der Besuch einer Plenardebatte, Hospitationen bei Hauptstadtredaktionen und Pressestellen sowie eigene journalistische Recherchen.

Dieses Jahr feierte der Workshop bereits sein zehnjähriges Jubiläum, 2003 hatte ihn die damalige Bundestagsvizepräsidentin Susanne Kastner (SPD) initiiert. In Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung und der deutschen Jugendpresse lädt der Bundestag seitdem jedes Jahr nach Berlin ein, wobei jeder Workshop unter einem eigenen Themenschwerpunkt steht. Dieses Jahr war es der Demografische Wandel. "Wohin wollen wir gehen? Irrgarten Demografie - Gesucht: Lebenswege 3.0", lautete der Titel der Veranstaltung.

Politische Bildung

"Diese Woche haben sie die Möglichkeit, so viel über den Parlamentarismus zu erfahren, wie möglich", sagte Bundestagsvizepräsident Eduard Oswald (CSU), Schirmherr des Projekts, zur Begrüßung. Der Workshop solle Anstoß dafür sein, sich auf die Politik einzulassen. "Unsere Demokratie ist hochspannend, aber sie muss immer wieder genau erklärt werden", betonte Oswald.

Besondere Bedeutung wies Oswald der Verbindung von Politik und Medien zu. "Journalisten und Politiker sind in gewisser Weise aufeinander angewiesen", erklärte Oswald den Jugendlichen. Der eine wolle die Öffentlichkeit möglichst gut erreichen, der andere habe ein Interesse daran, an Informationen zu kommen. "Dieses Spannungsfeld zu verstehen, zu sehen, wie Politik transportiert wird, was vor Ort geschieht und dann tatsächlich beim Bürger ankommt, das ist eines der Ziele des Workshops", sagte Oswald.

Bei Tobias Koch, ebenfalls Teilnehmer des Workshops, wurde dieses Ziel auf jeden Fall erreicht: "Ich verstehe jetzt viel besser, wie wichtig Medien für die Politik sind und wieviel Macht sie haben. Beide arbeiten viel mehr miteinander als gegeneinander, das war mir vorher nicht so klar."

Neben der Politik setzen sich die Teilnehmer natürlich auch mit dem thematischen Schwerpunkt des Workshops, dem demografischen Wandel, auseinander. Dabei standen zwei Aspekte im Vordergrund, wie Benedikt Meurer, Referent der Bundeszentrale für politische Bildung, erklärte: "Zum einen wollten wir zeigen, wie die Medien mit dem Thema umgehen und zum anderen, wie die Politik auf den demografischen Wandel reagiert." Das spiegelte sich auch im Programm: Die Teilnehmer sprachen zum Beispiel mit einem Wissenschaftsjournalisten, der sich auf die Problematik der Demografie spezialisiert hat, und diskutierten mit Parlamentariern aus sechs verschiedenen Ausschüssen politische Antworten auf die Herausforderungen, vor denen ein immer älter werdendes Deutschland steht. Zudem unternahmen die Jugendlichen mehrere Recherchestreifzüge, auf denen sie unter anderem eine Ausstellung zum Thema "Zukunft leben" und ein Mehrgenerationenhaus besuchten.

Journalistische Übung

Doch die Jugendlichen waren natürlich auch nach Berlin gekommen, um journalistisch zu arbeiten, zu recherchieren und zu schreiben. Deshalb erstellten sie zusammen mit der Jugendprese Deutschland eine Abschlusszeitung über den Workshop. Zwei Chefredakteure, zwei Redaktionsleiter, ein Layouter und ein Fotograf standen den Teilnehmern zur Seite, redigierten Artikel und gaben journalistische Tipps. "Die Chefredakteure haben mir zum Beispiel erklärt, wie ich ein Interview führe", erzählt Jasmin Twardawo. "Dieses Wissen konnte ich dann gleich anwenden und durfte ein Interview mit Bundestagsvizepräsident Oswald führen. Das ist mein Beitrag zum Abschlussmagazin und der absolute Höhepunkt der Woche."

Neben der eigenen journalistischen Tätigkeit konnten sich die Teilnehmer auch mit professionellen Journalisten austauschen. So sprachen sie zum Beispiel mit dem Chef-reporter für Politik der "Bild"-Zeitung, Andreas Thewalt. Einen Tag lang erhielten sie zudem Einblick in die Arbeit mehrerer Redaktionen und Pressestellen der Hauptstadt und konnten einzelne Journalisten bei der Arbeit begleiten. "Ich durfte mit auf eine Pressekonferenz mit Rainer Brüderle, ein super Erlebnis", sagt Tobias Koch begeistert. Doch damit nicht genug. Für die Nachwuchsjournalisten stand noch der Besuch zweier politischer Talkshows auf dem Programm. So konnten sie auch hinter die Kulissen einer live gesendenten Fernsehsendung blicken.

Offene Abgerdnete

Für Reinhild Schornack, Leiterin des Referats Veranstaltungsmanagement des Bundestages, ist der Workshop insgesamt ein einzigartiges, sehr vielschichtiges Programm. Der Workshop hole die Jugendlichen bei ihren Interessen ab und verbinde diese mit dem Bundestag. Das empfanden die Teilnehmer ähnlich. "Das Programm ist richtig genial", so die Meinung von Tobias. Auch Jasmin war begeistert: "Eine wirklich klasse Idee und unbedingt empfehlenswert." Sehr beeindruckt zeigten sich die Jugendlichen weiterhin von der Offenheit und dem Interesse der Abgeordneten, mit denen sie sprachen. "Wir schreiben jeden Abgeordneten an, falls ein Teilnehmer aus ihrem Wahlkreis kommt und oft nehmen sie sich trotz eines vollen Terminkalenders Zeit für ein Treffen mit den Jugendlichen", erzählt Reinhild Schornack.

Interessierte Jugendliche müssen sich mit eigenen journalistischen Artikeln, Audio- und Videobeiträgen oder Fotoarbeiten um die Teilnahme bewerben. Aus den eingesandten Beiträgen wählt eine Jury der drei beteiligten Institutionen dann die Teilnehmer aus.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag