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Aschot Manutscharjan
Kurz notiert

Können Völkermode mit anderen staatlich organisierten Verbrechen gleichgesetzt werden? Ist es richtig, die Sklaverei, die gewaltsame Verdrängung der Indianer in den USA oder den stalinistischen Terror als Völkermorde im Sinne der UN-Konvention einzustufen? Diesen Frage geht eine internationale Historiker-Gruppe in einem empfehlenswerte Sammelband zu Geschichte und Wirkung des Holocaust nach.

"Statt Deutschland sollte man künftig Arminien sagen. Es ist lautreicher und klingt an Armenien an", schrieb der Romanist Victor Klemperer 1933 in Anspielung auf den deutschen Nationalhelden Arminius den Cherusker in sein Tagebuch. "Wer redet denn heute noch von der Vernichtung der Armenier", fragte hingegen Adolf Hitler vor dem Angriff auf Polen 1939 seine Kommandeure. Der Historiker Wolf Gruner belegt in seinem informativen Aufsatz über die "Armenier-Greuel", dass die deutsche - die jüdische wie die nichtjüdische - Öffentlichkeit in der 1930er Jahren genau über den Völkermord an den Armeniern von 1915 im Osmanischen Reich und in der Türkei informiert war. Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" von 1933 galt den deutschen Juden lange vor den Pogromen vom November 1938 als unmissverständliche Warnung.

Die Begriffe "Greuel" oder "Massenmord" reichten nicht aus, um Verbrechen wie die organisierte Vernichtung der Armenier und der Juden zu charakterisieren. Deshalb prägte der Jurist Raphael Lemkin, Sohn assimilierter polnischer Juden, den Begriff "Genozid", der in die UN-Genozid-Konvention vom 9. Dezember 1949 Eingang fand. Lemkin sei maßgeblich durch die Schriften von Johannes Lepsius über den Völkermord an den Armeniern beeinflusst worden, betont Christian Werkmeister in seinem Beitrag.

In ihren argumentativ überzeugenden Aufsätzen thematisieren die Autoren die Singularität des Holocaust. So lehnen sie es ab, etwa die Shoa mit den Übergriffen der Sowjetunion auf den "bürgerlichen Klassenfeind" gleich zu setzen. Der Sammelband ist ein wichtiger Beitrag zur vergleichenden Genozid-Forschung.

Fritz Bauer Institut, Sybille Steinbacher (Hg.):

Holocaust und Völkermorde. Die Reichweite des Vergleichs.

Campus Verlag. Frankfurt/M. 2012; 248 S., 24,90 €

Aus Politik und Zeitgeschichte

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