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Annette Sach
Unser aller Wunde

MAUTHAUSEN KZ-Gedenkstätte erinnert mit neuem Konzept an Opfer des Nationalsozialismus

Als die 11. US-Panzerdivision am 5. Mai 1945 das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich befreite, bot sich ihr ein Bild von unvorstellbarer Grausamkeit: Sie trafen dort auf 18.000 ausgemergelte, bis auf die Knochen abgemagerte, halb verhungerte Menschen. Seit 1938 waren dort von den Nationalsozialisten mehr als 200.000 Menschen unter grausamsten Bedingungen inhaftiert, gefoltert und zur Zwangsarbeit gezwungen worden, schätzungsweise die Hälfte von ihnen starb in Mauthausen oder einem der zahlreichen Nebenlager.

30 Häftlinge, die das Grauen überlebt haben, sind 68 Jahre später wieder an den Ort gekommen, der einst als "Vorhof der Hölle" galt. Einer von ihnen ist Moshe Spitzer, der von seiner prominenten Schwiegertochter, der israelischen Justizministerin Tzipi Livni und ihren Söhnen, begleitet wird. "Die Wunde auf ihren Körpern ist nicht nur ihre Wunde, sondern unser aller Wunde", sagte Livni bei der Gedenkveranstaltung Anfang Mai, zu der neben den Präsidenten Österreichs, Ungarns und Polens auch die Vizepräsidentin des Bundestages, Petra Pau, gekommen war. Sie legte im Anschluss an die Veranstaltung in Begleitung des deutschen Botschafters, Detlev Rünger, zwei Kränze nieder. Aufgrund der früheren deutschen Teilung gibt es an der Gedenkstätte zwei deutsche Mahnmale.

Neugestaltung

Grund für die hochrangige Beteiligung ausländischer Staatsgäste und der österreichischen Regierung war die Neugestaltung der Gedenkstätte. Nach mehr als fünfjähriger Vorbereitung wurden im ehemaligen Krankenrevier und heutigem Museumsgebäude zwei neue Dauerausstellungen und ein "Raum der Namen" eingeweiht. Auf Glasplatten sind dort die Namen aller namentlich bekannten Häftlinge - in ihrer jeweiligen Heimatsprache - eingraviert, die in Mauthausen und Gusen umgebracht wurden: 81.000 Namen und Schicksale. Auch die Gedenkstätte selbst wurde umgestaltet. In den Gebäuden wurde der Originalzustand freigelegt, früher angelegte "Beschönigungen" der Anlage verschwanden.

Gruß und Mahnung

Bei der Eröffnung legten in einer bewegenden Zeremonie viele der Überlebenden, oftmals gestützt von Freunden und Angehörigen, persönliche Erinnerungsstücke oder Fotos in eine Zeitkapsel, die Teil der neuen Ausstellung ist. Sie soll als "Gruß und als Mahnung" an die nächste Generation weitergegeben werden.

Für Österreich ist diese Art des Umgangs mit der Geschichte mehr als die Eröffnung neuer Ausstellungsräume. Der österreichische Bundespräsident Heinz Fischer wies darauf hin, dass die Aufarbeitung der Geschichte in seinem Land lange gedauert habe: "Die pauschale Formulierung als erstes Opfer Hitlers lenkte von manchen Fragen ab, die man hätte mit aller Deutlichkeit stellen müssen", sagte er. Es sei der richtige Anlass und Ort, "den dringenden Appell zu richten, aus Geschichte zu lernen, jeder Form von Rassismus und Antisemitismus entgegenzutreten", sagte er. Seine Worte waren von beklemmender Aktualität.

Neuer Antisemitismus

Denn nur einen Tag zuvor waren in Budapest, nur rund 400 Kilometer von Mauthausen entfernt, 500 Menschen dem Aufruf der rechtsextremen Jobbik-Partei zu einer "antizionistischen Kundgebung" gefolgt (siehe Beitrag oben). Die Partei, die bei den Wahlen 2010 knapp 17 Prozent der Stimmen erhielt, hatte Ende 2012 im Parlament verlangt, dass alle Juden in Ungarn auf Listen erfasst werden sollten. Aufgrund des wachsenden Antisemitismus in Ungarn hatte sich der jüdische Weltkongress entschieden, aus Solidarität seine Jahresversammlung in Budapest abzuhalten.

Auch der Vertreter des amerikanischen Jewish Committee, David Harris, erinnerte in seiner Rede vor den 500 Gästen in Mauthausen daran, dass es bereits in drei europäischen Parlamenten offen fremdenfeindliche Parteien gebe. "Unterschätzen Sie nicht die Macht des Antisemitismus", warnte er. Und an alle Anwesenden gerichtet sagte er: "Jeder von uns trägt eine Verantwortung."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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