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ORTSTERMIN: 2. POLITIKER-LAN UNTER DER REICHSTAGSKUPPEL
Peter Stützle
Nichts für Ballermentarier

Die Kompetenz von Politikern bemisst sich nicht gerade danach, ob sie bei "Egoshooter-Spielen" möglichst viele "Feinde" abballern können. Deshalb blieb Kritik nicht aus, als 2011 drei junge, netzaffine Parlamentarier, unterstützt von der Computerspiele-Branche, ihre Kollegen erstmals zu einem "Politiker-LAN" einluden. Die Abkürzung "LAN" steht dabei für "Local Area Network", ein lokales Netzwerk, das mehrere Computer umfasst. Der Hintergrund war durchaus ein ernsthafter. Das Massaker von Winnenden und andere Gewalttaten hatten eine Diskussion ausgelöst, ob bluttriefende Computerspiele zu einer Enthemmung von Jugendlichen führen. Die drei Abgeordneten Dorothee Bär (CSU), Jimmy Schulz und Manuel Höferlin (beide FDP) wollten deshalb ihren Kollegen die Gelegenheit bieten, in den Räumen des Bundestages solche Computerspiele kennenzulernen, damit sie wissen, worüber gesprochen wird.

Zwei Jahre danach haben nun dieselben drei Parlamentarier zum 2. Politiker-LAN im Foyer der Fraktionssäle unterhalb der Reichstagskuppel geladen. Das Motto war "Games als Wirtschaftsmotor", Ballerspiele waren diesmal nicht dabei. Die Sitzreihen füllten neben zahlreichen Branchen-Vertretern vor allem Mitarbeiter von Abgeordneten, die ihren Chefs berichten konnten, dass die deutsche Games-Industrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor ist.

Drei Milliarden Euro im Jahr gäben die Deutschen für Computerspiele aus, deutlich mehr als für Film und Musik, verkündete Maximilian Schenk vom miteinladenden Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU).

Dass darüberhinaus "von Computerspielen viele andere Bereiche der Wirtschaft profitieren", wie Manuel Höferlin (FDP) sagte, konnte man bei einigen der Aussteller sehen, die ringsum ihre Produkte im vorführten. Sie reichten von einem Simulator, mit dem Polizisten und Feuerwehrleute Einsätze üben konnten, bis zu einem Spiel, das Grundschülern mit angeborener Rechenschwäche ein Gefühl für Zahlen entwickeln hilft. Sie wäre "in einigen Fächern sicher eine bessere Schülerin gewesen, wenn es das alles schon gegeben hätte", bekannte Dorothee Bär (CSU). Es sei ihr ein Anliegen, dass "serious games" stärker im Unterricht eingesetzt werden.

Als Hauptredner der Veranstaltung betonte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), dass sich die Spielebranche als Impulsgeber für die Informationstechnologie erwiesen habe. Vieles gebe es "nur, weil es Gamer gibt", sagte Rösler. Deren Wunsch nach immer leistungsfähigeren Rechnern habe erst eine Hardware-Struktur hervorgebracht, auf der jetzt alle Wirtschaftsbereiche aufbauen könnten.

Simone Kimpeler vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung bezeichnete die Spieleentwickler als "Lead-User von innovativen Technologien". Dazu zählen künstliche Intelligenz und Schwarm-Intelligenz. Odile Limpach, Chefin des Düsseldorfer Spieleproduzenten Blue Byte, verwies auf die Generation der "Digital Natives", die "wir besser kennen als andere Branchen". Diese könnten sich "viel von uns abgucken". Es mag vor diesem Hintergrund verwundern, aber die deutsche Gamesindustrie "leidet unter ganz erheblichem Fachkräftemangel", wie Maximilian Schenk vom Branchen-Verband BIU beklagte. Als Gründe nannte er zu wenige Studiengänge "Gamesdesign" und eine unverdient schwache Reputation der Branche. Dabei ist sie besonders krisensicher, wenn Alexander Moutchnik, Professor an der Mediadesign-Hochschule in München, recht hat. Dieser verglich die Spiele-Branche mit der Schokoladenindustrie, deren Produkte auch immer Absatz fänden. Woraufhin ein Diskussionsteilnehmer auf einen Unterschied hinwies: "Computerspiele sind gut für die Zähne."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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