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AUFGEKEHRT
Hans-Jürgen Leersch
Ein Zug nach Nirgendwo

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo, sang der Schlagersänger Christian Anders Anfang der 70-er Jahre. Die deutsche Eisenbahn, nach der einst ganz Europa die Uhren stellte, fährt heute nicht einmal nach Nirgendwo, sondern oft genug gar nicht. Mit Mainz wurde jetzt eine Landeshauptstadt teilweise vom Nahverkehr abgekuppelt.

Dabei sind die Mainzer nicht die ersten und sicher nicht die letzten, die solche Erfahrungen machen. Auf der Berliner Ringbahn, die rund um die Innenstadt fährt, war die Durchsage zu hören, man möge in Gegenrichtung fahren, da in der anderen Richtung der Betrieb wegen technischer Probleme vorübergehend eingestellt worden sei.

Zugausfälle und Verspätungen sind an der Tagesordnung, haben aber auch zu neuen Entwicklungen geführt: Die Fahrgäste kommen ins Gespräch. In einem ICE-Waggon wurden kürzlich sogar Wetten abgeschlossen - nicht etwa, wann die Fahrt weitergehen könnte, sondern wann eine Durchsage kommen könnte, warum der Zug auf freier Strecke steht. Der Fahrgast mit dem Tipp "25 Minuten" soll gewonnen haben.

Vielen Fernpendlern gewöhnt die Bahn ihr Verhalten ab. Es ist ja auch zu lästig, jeden Morgen von Berlin nach Wolfsburg zur Arbeit fahren zu müssen. Auch Wochen nach dem Hochwasser ist nicht klar, ob eine Strecke unterspült worden ist oder nicht. Aus Vorsicht werden die Züge umgeleitet, so dass sich die Fahrzeiten von Berlin nach Westdeutschland erheblich verlängert haben. Pendeln geht nicht mehr. Dank Bahn haben in Wolfsburg Hotels und Zimmervermieter plötzlich Hochsaison. Dabei wäre alles für die Bahn so einfach, wenn sie nicht fünf Probleme hätte: die vier Jahreszeiten und die Fahrgäste.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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