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Lisa Srikiow
Die Mitmach-Gesellschaft

BÜRGERENGAGEMENT Freiwillige sind eine wichtige Stütze - brauchen aber auch selbst Unterstützung

Wenn sich Bürger engagieren, ist das von politischer Seite immer gern gesehen. Es gibt wohl keinen Politiker, der nicht ein paar lobende Worte über die ehrenamtlichen Helfer verlieren würde. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nennt das Engagement eine "Bereicherung", der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, hält es für "unverzichtbar" und Bundespräsident Joachim Gauck zählt die Begegnungen mit Ehrenamtlichen zu "seinen schönsten Erlebnissen". Tatsächlich tut es jeder dritte Deutsche - er engagiert sich für einen bestimmten Zweck. Die Zahl der Freiwilligen ist seit Jahren konstant, dennoch verändert sich das bürgerschaftliche Engagement stark - gleichzeitig ist es durch die hohen Erwartungen aller Betroffenen politisch sehr aufgeladen. Was bedeutet das für uns?

Die Möglichkeiten sich zu engagieren waren noch nie so vielfältig wie heute: es gibt Vereine und Stiftungen, aber auch Bürgerinitiativen und Aktionsbündnisse sowie die Freiwilligendienste, die eine Alternative zum klassischen Ehrenamt darstellen. Die Helfer arbeiten im Umwelt- oder Denkmalschutz sowie in Sport-, Hobby- oder Kulturvereinen mit. Besonders stark ist das Engagement im sozialen Bereich. So ist der Paritätische Wohlfahrtsverband mit seinen zahlreichen Mitgliedsorganisationen besonders stark auf die ehrenamtlichen Helfer angewiesen. "Bei uns sind einige Millionen Menschen engagiert", sagt Ulrich Schneider, der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands.

Die Vielfalt der Einsatzstellen und die konstante Zahl der Engagierten zeigen, dass die Deutschen sich wirklich engagieren wollen. Allerdings könnte der Staat es ihnen an vielen Stellen einfacher machen: Warum müssen Ehrenamtliche erst seit März diesen Jahres ihre Aufwandsentschädigungen nicht länger versteuern? Und wer sich als junger Mensch in einem Freiwilligendienst - sei es der Bundesfreiwilligendienst oder ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) - engagieren möchte, muss sich erst einmal durch den Informationsdschungel aus Zuständigkeiten, Voraussetzungen und Bewerbungsfristen kämpfen und sich gleichzeitig um das in der Regel folgende Studium kümmern.

Dabei könnte man gerade für diese Zielgruppe die Angebote mit späteren Berufswegen gut verzahnen. Momentan muss ein Student lange suchen, um einen Studiengang zu finden, dessen Numerus Clausus zum Beispiel durch ein FSJ positiv beeinflusst wird.

Größerer Individualismus

Der Staat muss seinerseits Einsatz zeigen, denn das Engagement verändert sich. Es wird individualistischer und pragmatischer. Sebastian Braun, der das Forschungszentrum für Bürgerschaftliches Engagement an der Humboldt-Universität Berlin leitet, sagt: "Wir beobachten einen Strukturwandel im bürgerschaftlichen Engagement. Das bedeutet: Der moderne Engagierte fragt immer wieder nach dem persönlichen Sinn und Nutzen seines Einsatzes und handelt weitaus seltener als der ‚Traditionelle' aus einer selbstverständlichen, eingelebten Gewohnheit heraus."

Ferdinande Schenke ist so eine "moderne" Engagierte. Sie arbeitet in dem Mentorprojekt "Yoldas" der BürgerStiftung Hamburg mit und begleitet zusammen mit ihrem Ehemann den zehnjährigen Serkan. "Wir wollen ihm helfen, sich zwischen der türkischen und deutschen Kultur besser zurecht zu finden", sagt Ferdinande Schenke. Schulerfolge stehen dabei weniger im Vordergrund - die Mentoren von Yoldas sollen die Kinder vielmehr in ihrer persönlichen Entwicklung unterstützen. Über ihr Engagement für Serkan muss Ferdinande Schenke übrigens nicht viel nachgrübeln. "Am Anfang hat Serkan uns gefragt, ob wir dafür bezahlt werden, mit ihm Zeit zu verbringen", sagt sie. Viele der Kinder täten das. "Mittlerweile weiß er, dass wir es freiwillig tun und ich denke, dass diese Wertschätzung ihm viel bedeutet", sagt Schenke.

Das Nachsehen haben traditionelle Vereine. So muss sich der Tischtennisverein FSV Kroppach im Westerwald trotz sportlichen Erfolgs aus der Bundesliga zurückziehen. Es fehlen Freiwillige, die die Vereinsarbeit unterstützen. Bürgerschaftliches Engagement spiegelt somit immer die Gesellschaft wieder, in der wir leben. Und damit auch ihre schlechten Seiten.

So ist der Zugang zu einer freiwilligen Tätigkeit nicht für jeden selbstverständlich. Eine Studie der Uni Würzburg aus dem Jahr 2011 zeigt, dass sich nur jeder dritte Hauptschüler engagiert, während es bei den Gymnasiasten mehr als 50 Prozent sind. Auch Sebastian Braun beobachtet diese Tendenz. "Es gibt beim bürgerschaftlichen Engagement eine Art Pisa-Effekt", sagt der Sozialwissenschaftler. "Engagement signalisiert immer auch die Teilhabechancen an unserer Gesellschaft. Die privilegierten und bildungsstarken Gruppen engagieren sich jedoch mehr als die ressourcenarmen. Selbst im Sport, der eigentlich als leicht zugänglich gilt, haben wir festgestellt, dass die soziale Kluft wächst."

Hier zeigt sich die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements: Damit wesentliche Teile der Bevölkerung nicht den Anschluss an diese Teilhabe verlieren, ist es wichtig, soziale Verantwortung bereits früh zu etablieren. Manche Schulen haben Fächer wie "Ehrenamt" in ihren Lehrplan aufgenommen, auch der Paritätische Wohlfahrtsverband hat reagiert. "Wir haben besondere Programme, um gezielt Hauptschüler anzusprechen", sagt Ulrich Schneider. "Denn so ein Engagement bietet viele Chancen. Man wird gebraucht und macht ganz neue Erfahrungen. Das wollen wir auch benachteiligten Gruppen vermitteln." Wenn diese soziale Kluft weiter wächst, fungiert das bürgerschaftliche Engagement höchstens als "sozialer Feuerlöscher" - und zeigt dem Staat nicht auf, wie es besser geht. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen.

Ferdinande Schenke und ihre Mitstreiter bei der BürgerStiftung Hamburg sind da bereits einen Schritt weiter. "Ohne die türkischstämmigen Mitarbeiter wäre unsere Arbeit kaum möglich", sagt Ferdinande Schenke. "Gerade in der ersten Zeit vermitteln sie zwischen den Mentoren und den Familien und schaffen eine Vertrauensbasis." Aber nicht nur das soziale Gefälle im bürgerschaftlichen Engagement verändert sich. Gleichzeitig gewinnt der Einsatz von Freiwilligen und Ehrenamtlichen zunehmend an Professionalität. Es bedeutet jedoch weniger, dass die Einsatzstellen ihren Helfern komplexere Aufgaben übertragen, sondern, dass diese das selbst einfordern. "Wo ein Ehrenamt oder eine Engagement mit einer besonderen Qualifizierung verbunden ist - zum Beispiel beim DLRG oder beim Kindersorgentelefon - haben wir kaum Nachwuchssorgen", sagt Ulrich Schneider. "Es darf nicht beliebig sein, die Helfer wollen mit ihren Eigenschaften hervorstechen." Wohl deshalb haben gerade die Freiwilligendienste großen Zulauf; sie ähneln normaler Erwerbstätigkeit. Allerdings gibt es mehr Bewerber als Plätze - gerade bei der jüngeren Zielgruppe. Dieses Potenzial sollte nicht brach liegen. Der Staat ist gefragt, die Dienste entsprechend auszubauen.

Rückzug des Staates

Damit wachsen die Anforderungen an die Einsatzstellen, die sich auf die ehrenamtlichen Helfer einstellen müssen. Oft sind eine gezielte Schulung der hauptamtlichen Mitarbeiter sowie eine spezielle Personalführung für Freiwillige nötig. "Denn sonst bedeuten die zusätzlichen Helfer erst einmal nur Extra-Arbeit für die Pfleger, Erzieher und Sozialarbeiter", sagt Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Widerlegt diese Tatsache den Vorwurf, der bei Bürgerschaftlichem Engagement und Ehrenamt immer wieder erhoben wird, nämlich, dass es eine bequeme Rückzugsmöglichkeit für den Staat ist, um sich aus der Verantwortung zu ziehen? Ferdinande Schenke dagegen sagt: "Der Staat sind wir. Wenn mir bestimmte Dinge nicht gefallen und ich daran etwas ändern kann, dann engagiere ich mich." Was sie problematisch findet, ist, wenn durch freiwillige Helfer Arbeitsplätze gefährdet werden könnten. "Ich engagiere mich auch im Museum Altona. Dort diskutieren wir öfter, welche Aufgaben von uns Freiwilligen übernommen werden sollten - und welche nicht. Wir wollen den angestellten Mitarbeitern nicht die Arbeit wegnehmen. Da müssen wir genau hingucken, auch das gehört zu unserer Pflicht."

Deshalb muss es zum Selbstverständnis aller Freiwilligen gehören, ständig zu hinterfragen, wem ihr Einsatz am meisten nützt - ihnen, den Betroffenen oder dem Staat. Profitiert letzterer am meisten, kann etwas nicht stimmen. Alle, die sich engagieren, müssen einfordern, was ihnen zusteht, und ablehnen, was sie nicht leisten können. Denn das ist ihre Aufgabe: Sie sollen unsere Gesellschaft stützen, ihre Last jedoch nicht allein schultern.

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