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Philip Plickert
Das niedrige Zinsniveau bedrängt die Sparer in Deutschland

Finanzen Experten glauben, dass die Umverteilung auf den Kapitalmärkten die südeuropäischen Länder entlastet. Amerika könnte den Rutschbahneffekt stoppen

Diese steile Abwärtskurve betrachten sie im Finanzministerium mit Freude: Wie auf einer Rutschbahn fallen die Zinsen, die der deutsche Staat auf seine Schuldpapiere zahlen muss. Anfang der 1990er Jahre lag der Durchschnittszins über sieben Prozent. Bis zur Finanzkrise sank er auf 4,5 Prozent. Mit der Euro-Krise gab es 2012 einen Abwärtsschub unter drei Prozent. Die Umlaufrendite purzelte sogar unter 1,5 Prozent. Zeitweilig konnte der Bund sogar kurz laufende Anleihen mit negativen Renditen verkaufen, das heißt: Anleger bezahlten Geld dafür, dass sie dem Staat Geld liehen. Der drastische Zinsrückgang beschert dem deutschen Staat über die Jahre eine Entlastung in dreistelliger Milliardenhöhe - aber gleichzeitig mehren sich die Klagen von Sparern, deren Zinserträge kaum noch die Inflation ausgleichen.

Zinsdienst stagniert

Obwohl sich die Schulden des deutschen Staates seit der Wiedervereinigung mehr als verdoppelt haben, stagniert die Zinsdienst seit Mitte der neunziger Jahre. Zuletzt ist er sogar kräftig gesunken. 2010 mussten die öffentlichen Haushalte noch 65 Milliarden Euro für Zinsen ausgeben, 2012 waren es nur 54,5 Milliarden Euro, rechnet der Bund der Steuerzahler vor.

Einen "Geldregen für den Staat" habe die Niedrigzinsphase gebracht, sagt der Finanzwissenschaftler Clemens Fuest, der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Nur 2,4 Prozent von Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt die Zinslastquote - so wenig wie lange nicht mehr, obwohl der Schuldenberg auf 2,1 Billionen Euro, mehr als 80 Prozent vom BIP, gestiegen ist.

Es gibt verschiedene Gründe für den Zinsrückgang seit den 1990er Jahren. "Zum einen gibt es weltweit hohe Ersparnisse, manche Ökonomen sprechen sogar von einer Sparflut (savings glut) wegen des vielen Geldes aus China, aber auch wegen des verstärkten Altersvorsorgesparens in den OECD-Ländern", erklärt der Wirtschaftsweise Lars Feld. Zum anderen haben die Zentralbanken die Leitzinsen lange Zeit sehr niedrig gehalten und damit eine hohe Kreditgeldschöpfung ermöglicht. In der Krise hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf ein rekordniedriges Niveau von 0,5 Prozent gesenkt.

Aus Sorge um die Stabilität der Währungsunion gab es zudem eine starke Kapitalflucht nach Deutschland, in den "sicheren Hafen". Dadurch sind die Renditen für deutsche Zinspapiere "um ungefähr einen Prozentpunkt", schätzt Feld, auf das Rekordtief gedrückt worden.

Seit dem Jahr 2009 hat allein der Bund annähernd 100 Milliarden Euro gespart durch die günstige Verschuldungsmöglichkeit, rechnet der Finanzwissenschaftler Jens Boysen-Hogrefe vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) vor. Auf diese Zahl kommt er beim Vergleich der gesunkenen Zinsen für Neuemissionen mit dem Durchschnittsniveau des vorangegangenen Jahrzehnts. Seine Rechnung bezieht sich auf die Ersparnis bis ans Ende der Laufzeiten der Anleihen. Der starke Renditeverfall hat das Finanzministerium selbst überrascht. Ein Vergleich der ursprünglich erwarteten mit den tatsächlichen Zinsen für neuen Anleihen zeigt, dass der Bund in den Jahren 2010 bis 2014 voraussichtlich 41 Milliarden Euro günstiger davonkommt. Dies teilte das Finanzministerium jüngst auf eine Anfrage des SPD-Bundestagsabgeordneten Joachim Poß mit.

Solche Zahlen nähren die Debatte darüber, ob Deutschland in der Euro-Krise nicht nur große Haftungsrisiken eingeht, sondern in Wirklichkeit ein großer Profiteur ist. Die meisten Ökonomen bezweifeln das aber. "Die niedrigen Zinsen sind für Deutschland kein Gewinn, sondern sie bringen vor allem eine große Umverteilung von Sparern zu Schuldnern", sagt ZEW-Chef Fuest, der auch Mitglied im Wissenschaftlichen Beitrag beim Bundesfinanzministerium ist. "Deutschland als Volkswirtschaft verliert sogar insgesamt durch die niedrigen Zinsen, weil wir ein Nettogläubiger sind", erklärt Fuest. Die Umverteilung findet auch zwischen den Ländern in Europa statt. "Das ist ja auch die beabsichtigte Wirkung der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, dass Schuldner, also die Krisenländer oder auch Banken und Unternehmen mit hoher Verschuldung, entlastet werden, während die Gläubiger verlieren", sagt Fuest.

Nach den Daten der Bundesbank beträgt das Nettogeldvermögen der Deutschen fast 3,5 Billionen Euro, wovon der ganz überwiegende Teil festverzinslich angelegt ist. Mit den niedrigen Renditen, die derzeit kaum die Inflationsrate ausgleichen oder sogar darunter liegen, schrumpft der reale Wert der Ersparnisse. Eine "erzwungene Umverteilung von den deutschen Sparern zum deutschen Staat" findet statt, sagt der Finanzwissenschaftler Lars Feld dazu. Laut einer Studie der Postbank entgehen den Sparern durch das Zinstief in diesem Jahr 14 Milliarden Euro, nächstes Jahr beträgt der Verlust sogar 21 Milliarden Euro.

Das ist mehr als die Ersparnis des Bundes, wenn man als Maßstab den Vergleich des Finanzministeriums von geplanten und tatsächlichen Zinszahlungen hernimmt. Demnach spart der Bund durch den Renditeverfall in diesen Jahr neun Milliarden Euro und im kommenden Jahr 19 Milliarden gegenüber der Finanzplanung. Der Wirtschaftsweise Feld spricht im Zusammenhang mit der EZB-Niedrigzinspolitik auch von "finanzieller Repression" Denn viele institutionelle Anleger wie Lebensversicherer und Pensionskassen, die ihren Sitz in der Eurozone haben, müssen laut Finanzregulierung auf Euro lautende Staatsanleihen halten.

Mehr als 40 Prozent der deutschen Geldvermögen liegen auf Spar- oder Terminkonten. Gut jeder dritte Deutsche hat zudem eine kapitalgedeckte Lebensversicherung. Auch bei diesen Anlageprodukten nagt der Niedrigzins an der Substanz. Der Präsident des Sparkassenverbands, Georg Fahrenschon, klagt schon seit längerem, dass die Billiggeldpolitik der EZB zu einer "Enteignung" der Sparer führe. "Zinsen unterhalb der Inflationsrate bedeuten eine Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern und führen dazu, dass alle Sparer in Europa enteignet werden", sagt Fahrenschon. Er fordert einen "Einstieg in die Umkehr aus der Niedrigzinspolitik". In Europa dürfte dies noch länger dauern. Erst vor kurzem hat EZB-Präsident Mario Draghi niedrige Zinsen für eine längere Zeit versprochen.

Aufwärtstrend

In Amerika könnte die Zinswende indes schneller als gedacht kommen. "Wenn der dort Aufschwung robust ist, worauf einiges hindeutet, kommt die Zinswende", sagt Feld. "Und das wird auch auf Europa Auswirkungen haben, weil Kapital abfließt und dann hier die Zinsen steigen", sagt Feld. "Für die Südländer kann das bedrohlich werden." Seit Mitte des Jahres ist schon ein leichter Aufwärtstrend der Zinsen weltweit bemerkbar. Die Rendite für die deutschen zehnjährigen Papiere ist von 1,5 auf 1,9 Prozent gestiegen. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat angekündigt, bei Neuemissionen auf längere Laufzeiten zu setzen, "weil wir das günstige Zinsniveau einigermaßen für die Zukunft festschreiben wollen".

Der Autor ist Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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