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PROGNOSEN DIREKT VOR DER WAHL VERBIETEN?
Jost Müller-Neuhof
Kritische Masse

Früher war in der Bundesrepublik zwar nicht alles besser, aber manches einfacher. Etwa eine Antwort auf die Frage, wen man wählen sollte. Es gab Lager im Parlament, Blöcke in der Welt und Medien, die nicht nur eine Richtung kannten, sondern auch Redaktions- und Sendeschluss. Wer wählte, hatte dafür Zeit und war halbwegs orientiert.

An beidem mangelt es heute. Die Parteien überschütten den gestressten Wähler mit Politikangeboten, während es aus allen medialen Rohren rund um die Uhr rauscht und twittert. Wichtig oder unwichtig ist egal, es geht um ein knappes Gut, die Aufmerksamkeit. War es einst gute Praxis, unmittelbar vor der Wahl keine Umfragen zu bringen, ist dieser Komment längst aufgebrochen. Im Gegenteil, kurz vorm Stichtag grassiert die Prognoseritis. Kaum eine Stunde ohne neue Prozentwerte. Die politische Beobachtung erklimmt dann den Gipfel ihrer Selbstbezüglichkeit: Massenmedien informieren die Masse über die Masse.

Umfragen erhellen nichts. Welche gut waren, weiß man erst hinterher, und dann sind die schlechten vergessen. Ein Nullsummenspiel. Doch verwirrt und verunsichert, wie der Wähler ist (und wie er gemacht wird), bieten sie, was offenbar fehlt: etwas Orientierung. Nicht in der Sache selbst, doch über Präferenzen der anderen.

Es ist bloß eine Schein-Orientierung. Ein Verbot wäre daher kein Freiheitsverlust, sondern eine Chance: für die Freiheit, sich wirklich zu orientieren. Ohne Mehrheitsmeinungsdruck, ohne Ablenkung, in Ruhe. Wer die Umfrage-Freiheit über diese Freiheit stellt, müsste auch das Veröffentlichungsverbot für "Exit Polls" - Wählerbefragungen nach der Stimmabgabe - abschaffen, das nichts anderes bezweckt. Und das will doch niemand, oder?

Aus Politik und Zeitgeschichte

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