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ORTSTERMIN: ARABISCHE IPS-STIPENDIATEN ZU GAST
Götz Hausding
Vielleicht werde ich ja Botschafter in Deutschland

Wird es zu einer Großen Koalition kommen? Was ist das Geheimnis des Wahlerfolgs der Union? Warum hat es für die FDP nicht gereicht? Nach der Bundestagswahl stellen sich viele Fragen. Fragen, für deren Beantwortung sich auch die 24 Teilnehmer am Programm des Internationalen Parlamentsstipendiums (IPS) für arabische Länder interessieren. Vier Wochen lang haben die jungen Leute aus acht Staaten in den Büros ihrer "Patenabgeordneten" die Arbeit des Bundestages hautnah miterlebt, Wahlkampf inklusive.

Am Dienstag vergangener Woche trafen sie nun mit dem Parteienforscher Gero Neugebauer und der Spiegel-Journalistin Christiane Hoffmann zur Wahlanalyse zusammen. Dabei vertrat Neugebauer die Ansicht, dass der Erfolg der Union vor allem der Personalisierung auf Angela Merkel zu verdanken sei. Das katastrophale Abschneiden der FDP habe sie nicht überrascht, sagte die Journalistin. Die Partei habe ein "desolates Bild" geboten. Bei der Frage nach der Koalitionsbildung mussten die Experten passen. Wahrscheinlich sei die Große Koalition schon, hieß es. Wissen könne man es aber nicht. In jedem Falle müssten Union und SPD Kompromisse eingehen.

Dass Kompromisse zur Politik gehören, weiß auch die ägyptische Stipendiatin Salma Hamed und verweist auf die sehr brisante Situation in ihrer Heimat. Das Militär hat im Juli die von der Muslimbruderschaft gestellte Regierung um Präsident Mursi, "die zwar demokratisch gewählt wurde, aber nicht demokratisch gehandelt hat", abgesetzt. Inzwischen wurde die Muslimbruderschaft gar verboten. "Wir brauchen einen Kompromiss", sagt Salma Hamed. "Der Staat muss erkennen, dass ein Verbot der Muslimbruderschaft nichts bringt. Die Anhänger der Muslimbruderschaft wiederum müssen erkennen, dass ihre Anführer Fehler gemacht haben", fordert sie.

Der Tunesier Mohamed Kharrat wiederum kann es kaum erwarten, dass es in seinem Land überhaupt erstmals freie Wahlen gibt. Als Mitglied der gemäßigten islamistischen Ennahda-Partei hofft er auf den Sieg. Ebenso wie der marokkanische Stipendiat Brahim Oubaha setzt sich auch Mohamed Kharrat hohe Ziele. "Vielleicht werde ich ja mal Botschafter Tunesiens in Deutschland" sagt er. Brahim Oubaha legt die Latte noch ein bisschen höher. "Alles ist möglich", findet er. Auch, dass er als Mitglied des Volksstammes der Berber marokkanischer Präsident wird. Die Erfahrungen aus dem IPS, da sind sich beide sicher, können ihnen auf ihrem Weg helfen.

Kaziwa Qadir aus Erbil im Westirak ist in Sachen Zukunftsperspektive zurückhaltender. Die Kurdin sieht die historisch gewachsene Zerstrittenheit zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden als größtes Hemmnis für eine friedliche Entwicklung im gesamten Irak an. Mit verstärkten Bemühungen im Bereich der politischen Bildung könne man dagegen angehen, glaubt sie und ist auch bereit, sich dabei miteinzubringen.

Den jungen Leuten hat die Zeit im Bundestag Mut gemacht, sich auch weiterhin zu engagieren. "Wir haben jetzt erstmals die Demokratie von innen erlebt", freut sich nicht nur Brahim Oubaha.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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