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Andrea Wolff
Kanzlerin als Erfolgsgarant

Wahlanalyse Der Unionssieg basiert auf dem hohen Ansehen von Angela Merkel. Deutsche präferieren Große Koalition

Die Bundestagswahl 2013 brachte für die CDU/CSU mit 7,7 Prozentpunkten die größten Zugewinne seit 1953 und erstmals seit 1994 wieder ein Ergebnis von mehr als 40 Prozent.. Die SPD konnte sich nach ihrem Rekordeinbruch von 2009 zwar leicht verbessern, blieb aber mit 25,7 Prozent deutlich hinter ihren Erwartungen zurück. Und nachdem sowohl Grüne, Linke als auch FDP vor vier Jahren ihre jeweils besten Resultate erzielt hatten, fielen erstere jetzt auf ihr Niveau von 2005 zurück und letztere scheiterte mit fast zweistelligen Verlusten erstmals bei einer Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde, während die neu angetretene Euro-kritische Partei AfD nur knapp den Einzug in den Deutschen Bundestag verpasste. Die Wahlbeteiligung - 2009 auf einem Tiefstwert - stieg trotz vieler Aufrufe und Kampagnen in Medien und Politik nur minimal auf 71,5 Prozent an.

Soziale Gerechtigkeit

Den Erfolg der Union führten in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen in der Woche vor der Wahl zwei Drittel der Deutschen vornehmlich auf Angela Merkel zurück und nur 21 Prozent auf die Politik der Union. Die Leistung von Spitzenkandidatin und Kanzlerin bewerteten 80 Prozent positiv, darunter Mehrheiten in allen Parteianhängergruppen. Mit einer Beurteilung von 2,1 auf einer Skala von plus 5 bis minus 5 erreichte sie den besten Imagewert eines Kanzlers nach 1990 und ließ damit auch ihren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück, der lediglich auf einen Wert von 0,7 kam, weit hinter sich. Im persönlichen Eigenschaftsvergleich der beiden Kontrahenten lag Angela Merkel klar vorn, sie wurde als die weitaus durchsetzungsfähigere, sympathischere und auch glaubwürdigere Kandidatin wahrgenommen. Ihr trauten mehr Befragte zu, die Euro-Krise zu bekämpfen und neue Arbeitsplätze zu schaffen als Peer Steinbrück, der wiederum beim Thema Soziale Gerechtigkeit gegen die Kanzlerin punktete. Insgesamt vertrauten bei der Lösung der zukünftigen Probleme des Landes 38 Prozent auf Merkel und 16 Prozent auf Steinbrück (kein Unterschied: 38 Prozent). Aus dieser Bewertung resultiert der große und auch über die letzten Monate hinweg sehr konstante Vorsprung Angela Merkels in der sogenannten K-Frage, bei der sich zuletzt 60 Prozent einen Verbleib der Amtsinhaberin wünschten und nur 31 Prozent Peer Steinbrück als Kanzler präferierten.

Diese Kompetenzzuschreibung blieb nicht auf die personelle Ebene beschränkt, sie wiederholte sich auch auf Parteiebene: In den Bereichen Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Steuer- und Rentenpolitik sowie Euro-Krise dominierte die Union, in Sachen Familienpolitik waren beide Parteien gleichauf und in punkto Soziale Gerechtigkeit führte die SPD.

Bastion bei Senioren

Garant für das gute Abschneiden der Union ist erneut die Generation der über 60-Jährigen, von der sich mit 49 Prozent überdurchschnittlich viele, insbesondere viele Wählerinnen (53 Prozent) für die CDU/CSU entschieden haben. Auch die SPD erreichte bei allen Wählern über 60 Jahren mit unverändert 29 Prozent ihr bestes Ergebnis innerhalb der Altersgruppen. Den größten Zuwachs (plus 7) konnte die SPD bei Wählern unter 30 Jahren verzeichnen, blieb aber hier (24 Prozent) dennoch leicht unter ihrem Gesamtergebnis. Viel schlechter als insgesamt schnitt die Union, trotz durchschnittlich hoher Zugewinne, bei den jüngeren Wählern (34 Prozent) ab. Während bei Linken und FDP kaum altersspezifische Differenzen auftraten, waren Grüne, AfD und vor allem Piraten - letztere kamen bei den unter 30-Jährigen auf 7 Prozent - bei jüngeren Wählern deutlich erfolgreicher als bei älteren. Im Detail wurden die Piraten und ebenso die AfD stärker von jungen Männern als jungen Frauen unterstützt.

Dagegen konnten die Grünen insbesondere bei den Wählern unter 30 Jahren, aber auch in allen anderen Altersgruppen, bei Frauen bessere Ergebnisse aufweisen als bei Männern. Dieses Gendermuster zeigte sich in gleicher Weise bei den Unionsparteien, und mit umgekehrten Vorzeichen bei SPD, FDP, AfD und Piraten, die auch in der Gesamtbetrachtung für Wählerinnen weniger attraktiv waren als für Wähler. Darüber hinaus gelang es den Sozialdemokraten, mit einem Ergebnis von 39 Prozent in ihrer Stammwählerschaft, den gewerkschaftlich gebundenen Arbeitern, überdurchschnittlich stark zuzulegen. Die FDP brach dagegen bei den ihr traditionell nahestehenden Selbstständigen mit Verlusten von 14 Prozentpunkten massiv ein, erreichte aber hier erneut weit über ihrem Gesamtergebnis liegende 10 Prozent.

Schlechte Noten für FDP

Für ihre Arbeit in der Regierung bekam die FDP fast die gesamte Legislaturperiode über schlechte bis sehr schlechte Noten, zuletzt wurde sie mit minus 0,7 (Skala von plus 5 bis minus 5) eingestuft, und damit völlig konträr zur Bewertung ihres Koalitionspartners, der CDU/CSU, die mit 1,3 die mit Abstand beste Note der parlamentarischen Kräfte erhielt. Auch Spitzenkandidat Rainer Brüderle wurde mit minus 0,5 nur unwesentlich besser beurteilt als seine Partei und trug mit diesem schlechtesten Imagewert im Reigen der Spitzenkandidaten zum Absturz der FDP bei.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass es in den Wochen vor der Wahl eine partielle Wechselstimmung gab, mit einer Mehrheit, die für einen Verbleib der Union an der Bundesregierung votierte, aber nicht für einen Verbleib der FDP. Die von den Deutschen als einzige mehrheitlich präferierte Koalition war seit Monaten eine Große Koalition. Bei der Bewertung verschiedener Bündnismodelle kam eine Regierung aus CDU/CSU und SPD in der Woche vor der Wahl auf eine Zustimmung von 52 Prozent, Schwarz-Gelb auf 36 Prozent, Rot-Grün auf 33, Schwarz-Grün auf 26 und Rot-Rot-Grün nur auf 19 Prozent.

Das Ergebnis der Bundestagswahl 2013 spiegelt so gesehen die verschiedenen, in den Umfragen davor geäußerten Präferenzen wieder: Der klare Wunsch nach einer Kanzlerin Merkel, der im herausragenden Resultat der Union zum Ausdruck kam und unter anderem auch das schwache SPD-Abschneiden erklärt und die bevorzugte Große Koalition, befeuert durch die Unzufriedenheit mit der FDP, der damit auch ihre Bedeutung als Mehrheitsbeschafferin zum Großteil abhanden kam. Darüber hinaus dürfte dieser Ausgang der Bundestagswahl ohne klare Mehrheitsverhältnisse mit Blick auf eine Regierungsbildung eine Neujustierung des Kurses der im Parlament vertretenen Parteien erforderlich machen. Für die FDP steht nach dieser Zäsur vermutlich nicht nur personell, sondern auch programmatisch eine Neuaufstellung an und für die Alternative für Deutschland, deren Unterstützung für die meisten Deutschen vor allem auf der Unzufriedenheit mit anderen Parteien beruht, bleibt abzuwarten, ob sie sich allein mit dem Thema Euro dauerhaft etablieren kann.

Die Zahlen basieren auf einer telefonischen Befragung der Forschungsgruppe Wahlen unter 1.572 zufällig ausgewählten Wahlberechtigten in Deutschland in der Woche vor der Wahl sowie auf der Befragung von 46.595 Wählern am Wahltag.

Aus Politik und Zeitgeschichte

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