Inhalt

ORTSTERMIN: BUNDESTAG BEI DEN STUTTGARTER EINHEITSFEIERN
Annegret Jacobs
Soitewürschtle gib's a ohne Förderung

Im Deutschen Bundestag geht es um die Wurst. Zur Debatte steht die Abstimmung um das Saitenwurstfinanzierungsförderungsgesetz. Zwei Tage lang ist beim Bürgerfest zur Deutschen Einheit auf dem Stuttgarter Schlossplatz in einem Zelt eine Mini-Ausgabe des Bundestags-Plenarsaals aufgebaut. Auf den Sitzen drängen sich die Fest-Besucher. Während der 22 "Plenarsitzungen" werden es insgesamt 3.354 Interessierte. Jeweils für eine halbe Stunde lang sind sie Abgeordnete, so lange dauert die Einführung in den Parlamentsalltag.

Die Regierung hat das Wort. Der Kanzler, wie die anderen Politiker im Planspiel ein Mitarbeiter des Besucherdienstes des Bundestages, formt vor dem Bauch mit den Händen die Merkelraute. Er habe sich bei der CDU-Landesgruppe Baden-Württemberg versichert, dass es noch Geld für das Saitenwurstfinanzierungsförderungsgesetz gebe. "Wenn Schwaben sagen, es ist noch Geld da, kann man das auch glauben", argumentiert er. Aber, der Kanzler will Kanzler aller Deutschen sein. "Wer Saitenwurst sagt, sagt natürlich auch Berliner Bulette und westfälische Mettwurst." Applaus im Plenum. Der Bundestagspräsident ist überrascht: "Jubel von der SPD? Normalerweise bekommt die Regierung keinen Applaus von der Opposition." Zu so einem wichtigen Gesetz nimmt auch der Bundesratspräsident Stellung. Obwohl dieser mit dem Grünen Winfried Kretschmann aktuell einer Oppositionspartei im Bundestag angehört, heißt im Stuttgarter Plenarsaal auch der Planspiel-Bundesratspräsident den Gesetzesentwurf gut. Schließlich kommt die Saitenwurst aus dem Ländle. Die Opposition dagegen bügelt die Initiative ab. "Sonst wollen sie noch regeln, ob die Maultasche geschabt oder gepresst sein muss", kritisiert die Ernährungsexpertin der Grünen.

Nach der Debatte müssen dann die Besucher mit farbigen Kärtchen abstimmen. Der "Abgeordnete" Wilfried Gschaider zeigt sich gespalten. Der 74-jährige Besucher sitzt im SPD-Block, auch im wahren Leben ist er Sozialdemokrat. Anderseits ist er auch Württemberger. Einmal in der Woche isst er die leckeren Saitenwürstle. "A wa! Soitewürschtle gib's a jetzt scho, ohne Förderung", sagt er und zückt schließlich die rote Nein-Karte. Allerdings: Die Mehrheit im Stuttgarter Plenarsaal stimmt für den Gesetzesentwurf der Bundesregierung.

Im zweiten Zelt des Bundestages wird derweil mit Quizspielen das Parlamentswissen der Besucher überprüft. Welcher Politiker hat einst im Bundestag den Ostdeutschen versprochen, nach der Wende ginge es niemandem schlechter, sondern vielen besser? Die beiden jungen Kandidaten auf dem heißen Stuhl, keiner als 13 Jahre, machen große Augen. Da hilft nur der Publikumsjoker. "Helmut Kohl, CDU-Bundeskanzler von 1982 bis 1998", tönt es korrekt aus dem Publikum. Zu einem virtuellen Rundgang durch den Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude lädt derweil Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) ein, der ebenfalls bei den Feiern der Staatsspitze in Stuttgart dabei war. Auf einer Leinwand erläutert er in einem Video den Zelt-Besuchern die wechselvolle Geschichte des Parlamentsbaus. Wer will, kann dann das Parlament auch mit nach Hause nehmen: "Das Parlament", die Wochenzeitung des Deutschen Bundestages, wird breit verteilt.

Aus Politik und Zeitgeschichte

© 2016 Deutscher Bundestag