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Annette Sach
Die Hartnäckige: Maria Böhmer

Am Anfang erntete sie vor allem erstaunte Blicke: Als Maria Böhmer (CDU) Ende der 1960er-Jahre an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Mathematik und Physik studierte, war sie dort eine echte Ausnahmeerscheinung. "Manchmal hat man gesehen, dass die Kommilitonen noch glaubten, vieles besser zu können", erinnert sie sich. "Aber sie haben sehr schnell gelernt, dass sie uns Frauen ernst nehmen müssen." Erfahrungen wie diese waren für Maria Böhmer "Ansporn und Anreiz, sich wirklich durchzusetzen", sagt sie. Sie als junge Frau war schon damals überzeugt, "dass jeder, ob Mann oder Frau, sein Leben so in die Hand nehmen können muss, wie es seinen Begabungen und Lebensvorstellungen entspricht".

Ein Satz, der für viele ihrer jungen Kolleginnen im Bundestag heute eine Selbstverständlichkeit ist. Dennoch: Mit 36,6 Prozent gab es zwar noch nie so viele Frauen wie in der neuen Legislaturperiode im Bundestag. Für Maria Böhmer gibt es aber"immer noch Luft nach oben, denn der Bundestag ist die Vertretung des deutschen Volkes". Der Vorsitzenden der Frauen-Union geht es dabei nicht allein um den Frauenanteil, sondern um die Kultur der parlamentarischen Arbeit: "Wenn mehr Frauen im Parlament sind, hat das nicht nur Einfluss auf die Themen, sondern auch auf den Stil", sagte die 63-Jährige. Die Professorin gehört dem Bundestag seit 1990 an und hat seitdem den Wandel in der Frauen- und Familienpolitik eng begleitet und mitgestaltet. Im Vergleich zu früheren Jahren stellt sie heute einen "unaufgeregteren Politikstil" fest, der "sehr analytisch an Sachfragen" herangehe. Sie findet nicht, dass man pauschal sagen könne, dass Männer und Frauen anders agierten. "Es geht stets darum, dass man bestimmte Positionen markiert und durchsetzt - Argumente statt Basta-Politik", betont sie. Böhmer kämpft für ihre Ideen mit Hartnäckigkeit nicht nur im Parlament, sondern auch in der Regierung. Seit 2005 ist sie als Staatsministerin im Kanzleramt Beauftragte für Migration, Integration und Flüchtlinge - und gilt als eine der engsten Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Obwohl sich Böhmer schon immer als "politischen Menschen" gesehen hat, wollte sie ursprünglich in der Wissenschaft bleiben. Im Fach Pädagogik hatte sie über Schulformen und Lehrerbildung geforscht, als sie 1982 das Angebot bekam, in Rheinland-Pfalz Landesfrauenbeauftragte zu werden. Aus einem Jahr wurde ein Leben in der Politik. "Ich habe es nie bereut. Im Gegenteil", sagt sie. "Raus aus der Theorie, rein in politisches Gestalten." Es mache für sie den Reiz der Politik aus, etwas bewegen zu können wie etwa bei der Anerkennung von Erziehungszeiten in der Rente oder bei der Förderung der Gleichberechtigung durch den Staat in Artikel 3 des Grundgesetzes.

Auch wenn die CDU/CSU-Fraktion im Vergleich zu den anderen Fraktionen über den geringsten Frauenanteil im Bundestag verfügt, hat Böhmer, auch über die Parteigrenzen hinweg, viele ihrer Vorstellungen für bessere Rahmenbedingungen für Frauen und Familien durchsetzen können. Aus ihrer langjährigen politischen Erfahrung weiß sie, dass manches dabei einfach Zeit braucht - wie etwa die in ihrer eigenen Partei umstrittene Quotenregelung. "Ich war immer eine Anhängerin der Quote", erklärt sie, "denn Frauen können noch so gut sein, sie brauchen gewisse Türöffner." Die gesetzliche Festlegung auf eine Quote für Unternehmen ist daher für sie eines der wichtigsten frauenpolitischen Themen der kommenden Legislaturperiode. Die Mütterrente ist für Maria Böhmer von "zentraler Bedeutung", weil es dabei auch "um die Anerkennung von Lebensleistung und das Schließen einer Gerechtigkeitslücke" gehe. Damit sollen Eltern, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, ab 2014 einen Rentenpunkt mehr erhalten. Auch das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf bleibt für sie nach 23 Jahren im Parlament weiterhin spannend: "Es hat immer wieder neue Facetten, weil sich die Lebenssituationen ändern, sagt Maria Böhmer. Aus ihr spricht neuer Tatendrang: "Frauenpolitik ist ein Prozess, wir dürfen nie stehen bleiben."

Aus Politik und Zeitgeschichte

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